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In seinen Aufzeichnungen kurz nach dem kommunistischen Putsch 1948, der
für ihn alle Freiheit, die während der Revolution von 1848 erstritten wurde,
zurücknimmt, hält er fest:
Die Auseinandersetzung vollzieht sich […] zwischen Diktatur und Demokratie, und
durch die exzeptionelle Verweigerung einer Freiheit wird die Demokratie so wenig
zur Diktatur, wie die Diktatur durch die exzeptionelle Gewährung einer Freiheit
zur Demokratie wird. Übrigens steht in dieser Auseinandersetzung der Begriff der
Demokratie keineswegs für vollkommene Freiheit. Er steht für die Möglichkeit der
Freiheit gegen ihre garantierte Unmöglichkeit. (ZB 164)
Torberg lässt seinen Protagonisten hier auf wenigen Zeilen ausführen, was er
selbst nur vier Jahre später wirkungsmächtig in seiner Zeitschrift Forvm postu-
lieren wird: den unausweichlichen und unbedingten Kampf der Demokratie
gegen den Totalitarismus, wobei die beiden Regierungsformen Demokratie und
Diktatur aus dieser Perspektive a priori unvergleichbar sind, da sie nicht auf
demselben Wertesystem aufgebaut sind und die Diktatur das Konzept „Freiheit“
von vornherein ausschließt. Dadurch existiert „Freiheit“ aus Dubs Perspektive
nur noch als ‚garantierte Unmöglichkeit‘ (vgl. Kapitel
4: Totalitarismus). Dieser
Sachverhalt der Unvereinbarkeit der beiden ideologischen Konzepte wird neu-
erlich deutlich, als sich Dub mit der Möglichkeit einer Flucht in den Westen
auseinandersetzt. Die Freiheit, die „ihm nun endlich werden soll“, ist für Martin
„ohnehin kein Gegenteil von Unfreiheit […], sondern nur ein Ausweg aus ihr“
(ZB 225).
„Die Despotie wird fallen. / Die Freiheit wird auferstehen im Lande der Sow-
jets“,38 lautet das Motto in Alexander Weißberg-Cybulskis autobiographischem
Bericht Hexensabbat (1951), der die stalinistischen Säuberungen der 1930er-Jah-
re aus der Perspektive eines Opfers der sowjetischen Gefängnisse und der Folter
beschreibt. Ebenso wie aus den Argumentationsmustern von Martin Dub wird
in dem Motto deutlich, dass „Freiheit“ im Osten nicht vorhanden ist, sie kann
erst wieder „auferstehen“, wenn die Diktatur nicht mehr besteht.
Dass die Auffassungen über das Wort „Freiheit“ und die damit einhergehen-
den Konzepte in Ost und West unterschiedlicher nicht sein konnten, macht auf
nur wenigen Zeilen ein Aperçu aus der von Milo Dor und Reinhard Federmann
herausgegebenen Anthologie Der politische Witz (1964) deutlich: Hier diskutie-
ren ein Amerikaner und ein Russe über die Freiheit der Meinungsäußerung.
Während der Amerikaner verlautbart, er könne an den amerikanischen Präsi-
denten schreiben, dass er ihn für einen Trottel halte, ohne dass damit für ihn
Repressionen verbunden wären, setzt der Russe entgegen, dass, wenn er Stalin
38 Weißberg-Cybulski: Im Verhör, S. 25.
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444 11 Frieden, Freiheit, Propaganda: Rhetorik im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918