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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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schreibe, dass er den amerikanischen Präsidenten für einen Trottel halte, ihm auch nichts geschehen würde.39 Natürlich hat der Russe nur diese eine Wahl bezüglich der „freien“ Meinungsäußerung. Beleidigungen oder Witze über den „Führer aller Zeiten und Völker“ führten im rechtlichen Raum der Sowjetunion zu unverhältnismäßig schweren Strafen.40 Der marxistisch-leninistische Frei- heitsbegriff bezog sich auf das „Verhältnis des Menschen zu der objektiven Not- wendigkeit […] in Natur und Gesellschaft“41 und sah die persönliche Freiheit des Menschen an gesellschaftliche Voraussetzungen gebunden, die erst durch die Realisierung des Sozialismus mit seiner klassenlosen Gesellschaft gegeben sein würden. Wie die antikommunistische Propaganda nicht müde wurde aus- zuführen, war in dieser Konzeption ein Begriff der individuellen Freiheit, „wie er einen Grundwert abendländischer Gesittung darstellt“42 nicht vorgesehen. In ihrem differenzierten und bezüglich des westlichen Überlegenheitsgestus gegenüber dem Osten pessimistischen Text Geisterbahn der Freiheit, der auf die „8.  Jugend-Weltfestspiele“, die zwischen dem 26.  Juni und 4.  August 1959 in Wien stattfanden, Bezug nimmt, bringen Merz und Qualtinger die inhaltliche Leere des Wortes „Freiheit“ im ideologischen Abgrenzungsdiskurs zur Sprache. Im Mittelpunkt der Handlung steht der aus einer „Volksdemokratie“ stammende Peter, der auf seinem Ausflug in den Westen Bekanntschaft mit Exponenten der Demokratie macht, die von dieser gar keinen Begriff haben, gleichwohl aber die Freiheit im Munde führen. Ein betrunkener Bürger diffamiert in derber Sprache die Regierungen im Ostblock, ohne Argumente dafür zu haben: „Ihr habts ka Freiheit  ... mir hab’n a Freiheit  ... Mir könn’n machen, was mir woll’n  ...“ Sein Begleiter ist überhaupt der Ansicht: „Ein anständiger Mensch red’t nichts von der Freiheit.“ (GF 235) Der Betrunkene erklärt weiter, was Gedankenfreiheit ist: ERSTER BÜRGER [...] I kennt’ Ihnen, Sie junger Mensch, politisch schulen. PETER Aber gerne  ...! ERSTER BÜRGER Wir haben nämlich ein Fundament  ... e i n e Säule  ... auf der alles steht  ... ruht  ... die Gedankenfreiheit  ... i kann mir denken, was i will  ... Versteh’n S’ des? PETER Ja, ja. ERSTER BÜRGER bedeutungsvoll: Denken! PETER Was denken Sie? ERSTER BÜRGER betrachtet ihn, dann: Nix  ... aber wann i einmal anfang’  ... dann könnts Ihr mich alle  ... […] (GF 236) 39 Vgl. Dor, Federmann: Der politische Witz, S. 229. 40 Vgl. McLoughlin, Vogl (Hg.): „…  Ein Paragraf wird sich finden.“, S. 55. 41 Buhr, Kosing: Kleines Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Philosophie, S. 58–60. 42 Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen (Hg.): SBZ von A bis Z, S. 105. Sprache und geteilte Welt 445
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
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