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eck48 (1953), dessen Schauplatz das Wien der Besatzungszeit ist. Hier tritt den
Figuren vor allem aus dem Radio Propaganda entgegen, die diese als solche
sofort erkennen und geflissentlich zu ignorieren wissen. Als die Hauptfigur des
Romans, der ehemalige Oberstleutnant der Wehrmacht Richard Milstrey, der
während des Zweiten Weltkriegs desertiert ist und im bürgerlichen Beruf als
Anwalt tätig ist, nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt, hört seine
Frau Edith gerade Radio: „Jetzt quatschen sie sogar schon in der Nacht.“ (DZD
30) Mit „sie“ sind die Sendungen der Besatzungsmächte bezeichnet, die, wie
Milstrey anmerkt, Kalten Krieg „mit Radiowellen“ (ebd.) führen. Er schlägt vor,
den Sender zu wechseln, doch seine Frau weist ihn darauf hin, dass nach Mit-
ternacht nur noch die Münchner und Berliner Sender übertragen, und diese
stünden im Zeichen der Propaganda: „In Berlin halten sie Propagandareden
gegen die Russen, und in München Vorträge über amerikanischen Jazz. Statt der
Jazz einen Vortrag darüber“ (ebd.).
Es ist kein Zufall, dass das Ehepaar Milstrey einen amerikanischen Sender
hört und nicht etwa das Programm der „Russischen Stunde“ des österreichischen
Senders RAVAG. Denn die „Russische Stunde“ und andere sowjetische Radio-
sendungen wurden oftmals durch „die mächtigeren Radiostationen Westdeutsch-
lands (München, Hamburg), die auf diesen Frequenzen senden“49 verdrängt.
Milstreys Wunsch nach Jazz verweist auf eine andere Ebene der propagandisti-
schen Auseinandersetzung, nämlich die der Populärkultur. McVeigh hat darauf
hingewiesen, dass der politische und kulturelle Kampf über die Gestaltung der
Populärkultur zwischen Österreich und Alliierten vor allem auch im Radio statt-
fand. Die österreichische „Radio Verkehrs AG“ (RAVAG) stand in direkter Kon-
kurrenz mit den Radiostationen der Alliierten, wie z. B. „Radio Rot-Weiß-Rot“
oder der „American Armed Forces Station“ in Österreich.50 Habecks Roman
macht auch an anderen Stellen des Romans das Interesse an der amerikanischen
Populärmusik deutlich,51 dem die Sowjetunion nichts entgegenzusetzen hatte,
da sie sich in musikalischen Belangen eher dem Volkstümlichen verschrieben
hatte und damit nicht dieselben „Codes der Modernität“52 transportierte. In
einem Wiener Gasthaus schaltet ein Kellner zur Unterhaltung der Gäste das
Radio ein und sucht „eine passende Station“ (DZD 203): „Amerikanischer Mili-
tärsender Wien, Englischer Militärsender Wien, Russische Stunde in der Ravag,
48 Habeck, Fritz: Das zerbrochene Dreieck. Wien, Hamburg: Zsolnay 1953 [Im Folgenden abgek.
mit DZD].
49 Dokument Nr. 94, 1955. In: Mueller, Naimark, Suppan (Hg.): Sowjetische Politik in Österreich
1945–1955, S. 975–993, hier S. 979.
50 Vgl. Joseph McVeigh: Popular Culture in Austria 1945–2000. In: Katrin Kohl (Hg.): A history
of Austrian Literature 1918–2000. Rochester: Camden House 2006, S. 247–263, hier S. 248.
51 Wagnleitner: Die kulturelle Reorientierung Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg, S. 338.
52 Hanisch: Der lange Schatten des Staates, S. 429. Propaganda in Ost und West 449
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918