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größte europäische Bibliothek der Weltliteratur)“ (AT 98) liefert und „Der Kopf“,
die „Chefstelle“, die „aus den Eingängen des Außen- und Innenamtes“ Informa-
tionen produziert, die über den „Weltpressedienst“, wo die „klügsten, gewand-
testen Köpfe“ (AT 98) sitzen, Verbreitung finden. Brown setzt das „Presseamt“
der „M.G.“ (AT 99) mit „‚Wettermacher[n]‘“ (AT 100) gleich, die das „Klima,
die Luft, die Atmosphäre“ bestimmen und regeln und den Ton angeben, „in dem
die Tagespresse“ (ebd.) einzustimmen hat.
Heers Konzeption eines allumfassenden Propagandaapparates ähnelt jenen
Verhältnissen, die während des Stalinismus in der Sowjetunion herrschten. Die
Propagandasprache, die zwischen 1927 und 1953 die offizielle sowjetische Sphä-
re dominierte, diente als Instrument der zielgerichteten Beeinflussung der
Beherrschten. Die „kommunistische Bewusstseinsindustrie“ produzierte einen
allgemeinverbindlichen Herrschaftsdiskurs, „eine Meistererzählung von der
glorreichen Vergangenheit, den eigenen ‚Errungenschaften‘ und der goldenen
Zukunft“.54 Neben die Vermittlung ideologischer Grundlagen trat während des
Kalten Krieges auch das „Tagesgeschäft der Nachrichteninterpretation“55 hin-
zu. Die Bevölkerung der Sowjetunion sowie der Satellitenstaaten wurde mit
„einer realen und einer inszenierten Welt konfrontiert“56 und die Presse berich-
tete über eine Realität, die in dieser Form nicht vorhanden war. Was Heer in
seinem Roman exemplarisch durchspielt, ist der Zenit dieser Gleichschaltung
der Medien weltweit, die vollständig im Dienst der Propaganda stehen, der Bevöl-
kerung keine Wahl mehr bei der Informationsselektion lassen und die Menschen
dadurch steuern kann.
Zwei weitere Opfer der Propaganda, die sich jedoch letztendlich davon eman-
zipieren können, sind die beiden Roboter-Protagonisten William und Natascha
in Karl Bruckners Jugendroman Nur zwei Roboter (1963). Die beiden sollen als
neueste Errungenschaften der USA bzw. der Sowjetunion auf einer Weltausstel-
lung präsentiert werden, um die Überlegenheit des einen Systems über das ande-
re zu demonstrieren. Spiegelbildlich adaptieren sowohl William als auch Nata-
scha die Propagandatopoi der jeweiligen Gegenseite. Dies geschieht in dem
Moment, als die beiden einzigartigen „Maschinenmenschen“ von der Existenz
des jeweils anderen erfahren, sich unbedingt treffen wollen, jedoch von ihren
Konstrukteuren daran gehindert werden.
Natascha und William, die exemplarisch die Überlegenheit des eigenen Sys-
tems demonstrieren sollen, nehmen die Propaganda der anderen auf, äußern
54 Behrends: Die erfundene Freundschaft, S. 16.
55 Ebd.
56 Jörg Baberowski: Die Entdeckung des Unbekannten: Rußland und das Ende Osteuropas. In:
Ders. [u.a.] (Hg.): Geschichte ist immer Gegenwart. Vier Thesen zur Zeitgeschichte. Stuttgart,
München: DVA 2001, S. 9–42, hier S. 39.
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452 11 Frieden, Freiheit, Propaganda: Rhetorik im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918