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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Mitglied der Résistance während des Zweiten Weltkriegs war und nach dessen Ende in die Sowjetunion ging, wo er mit der nach 1953 einsetzenden Entstali- nisierung seinen hohen Funktionärsposten verlor. Um sich wieder nach oben zu arbeiten, hat Kostja, der einer Delegation angehört, die die neueste filmische Errungenschaft auf dem Festival vorführen soll, gelernt, einen komplexen ideo- logischen Diskurs zu formulieren, der alle Richtungsänderungen der Partei berücksichtigen kann und dadurch völlig paradox wird: Gegner, sage ich. Freunde! Bei uns sind auch Freunde Gegner, ich wollte sagen: auch Gegner Freunde, natürlich, wenn es um das Wohl der Partei geht. Nur – was ist das Wohl der Partei? Zum Wohl der Partei kann es sein, daß jemand, der von den russischen Genossen eingeschleust worden ist, weil sie geglaubt haben, er sei Stalinist – und nach anfänglichem Mißtrauen haben seine polnischen Genossen ihm geglaubt, er sei nicht Stalinist – es kann sehr wohl sein, daß später ein Zeit- punkt kommt, wo es dialektisch richtig ist, daß er trotzdem von Anfang an nie etwas anderes gewesen ist als ein Stalinist. Zum Wohl der Partei! (F 181) Mit dieser Aussage erreicht Kostja einen inhaltlichen und politischen Nullpunkt kommunistischer Rhetorik. Neumann verdeutlicht an dieser Stelle, dass sich mittels dieses Jargons Äußerungen konstruieren lassen, die keinen inhaltlichen Kriterien unterworfen sind und als reine Floskeln stehen bleiben. Darüber hin- aus kann, so zeigt sich anhand Kostjas Biographie, in diesem Modus jeder Ände- rung der Parteilinie sofort Rechnung getragen werden. In Neumanns Parodie des Jargons wird der finale Punkt der Propagandasprache als Unsinn identifi- zierbar. Zudem wird deutlich, dass die Grundlage des totalitären sowjetischen Systems der in der Ideologie definierte absolute „Feind“ ist, der rhetorisch kon- struiert wird, und dass sich die Verfolgung auch gegen diejenigen „Feinde“ rich- tet, die nicht einer bestimmten Klasse oder Gruppe angehören. Der „Feind“ wird unabhängig von subjektiven Ansichten, Plänen oder Handlungen als „objektive Gefahr für den Staat identifiziert“74 und die Identität des Gegners wechselt je nach politischer Lage. Sobald eine Feind-Kategorie liquidiert ist, wird einer neu- en der Krieg erklärt, wobei stets der Anschein gewahrt wird, dass es sich um einen revolutionären Befreiungskampf gegen die sozialen Gegner, also eine Fort- setzung des Klassenkampfes, handelt. Insofern parodiert Neumann die sowje- tische Sprache nicht nur, sondern entlarvt sie auch hinsichtlich ihrer ideologi- schen Praxis. 74 Günther: Der Feind in der totalitären Kultur, S. 89. Parodie des kommunistischen Jargons 461
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
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