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12 KUNST IM KALTEN KRIEG
Wir werden in Kürze zum Mond fliegen, aber unser Vokabular ist noch das unserer
Großväter, so sehr wir uns auch bemühen, diese Tatsache zu tarnen. […] Kunst wird
im Westen möglicherweise nicht verstanden, aber toleriert. Sie wird im Osten
bestimmt nicht verstanden, aber verboten.1
Wettkampf der Künste
Im satirischen Roman Der Kartonismus2 (1965) von Rudolf Henz eröffnet der
Kulturminister der „Vollkommenen Volksrepublik“ (VVR) (dahinter verbirgt
sich verklausuliert die Deutsche Demokratische Republik) eine Ausstellung, die
der Weltöffentlichkeit die neueste künstlerische Errungenschaft vorführen soll,
mit folgenden Worten:
Die VVR werde im Zeitalter und im Zeichen der friedlichen Koexistenz die kapi-
talistisch-imperialistischen Länder künftig nicht nur in der Schwerindustrie und
bei der gerechten Verteilung der Konsumgüter einholen und bei der moderns-
ten Bewaffnung und Volksbildung, wie jeder wisse, überflügeln, sondern auch in
Literatur, Kunst und Musik. Die Kunst der VVR werde ab nun fortschrittlicher
sein als jede andere, und Experimente wagen, vor denen alle bisherigen imperia-
listischen Experimentatoren sich als harmlose Spielautomatenbenützer erweisen
würden. (K 141)
Dieses Postulat der Überlegenheit des Ostens im ökonomischen, sozialen und
künstlerischen Feld verweist parodistisch darauf, dass der Kalte Krieg nicht nur
eine traditionelle politisch-militärische Konfrontation zwischen der Pax Ame-
ricana und der Pax Sovietica war, sondern vielmehr ein Wettkampf, der alle
gesellschaftlichen Bereiche betraf.3 Da die direkte militärische Konfrontation –
1 Oscar Fritz Schuh: Zwischen Engagement und Verstaatlichung. Über die Stellung des Künst-
lers in der westlichen Demokratie. In: Forvm 10 (1963) H. 112, S. 196–199.
2 Rudolf Henz: Der Kartonismus. Ein satirischer Roman. Graz: Stiasny 1965 [Im Folgenden
abgek. mit K].
3 Auch in Karl Bruckners Jugendroman Nur zwei Roboter? (1963) steht ein Wettlaufszenario zwi-
schen den USA und der UdSSR im Mittelpunkt, das bewusst im Bereich des nicht-militärischen
Fortschritts angesiedelt ist. Wo dieses Wettrennen nicht auf andere Bereiche verlagert werden
konnte, wird es kritisch: Bereits am 19.9.1946 ist im Neuen Österreich zu lesen: „Wettren-
nen mit der Atombombe ist im Gang“, womit ein Brief des Handelsministers Henry
A. Walla-
ce an US-Präsidenten Harry
S. Truman vom 23.7.1946 zitiert wird, in dem Wallace die Atom-
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918