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als atomare Kriegsführung – Angreifer wie Angegriffene vernichtet hätte, waren
die Supermächte gezwungen, auf psychologische und kulturelle Auseinander-
setzungen auszuweichen, die als Alternative zum „heißen“ Krieg in einem unver-
gleichlichen Ausmaß und Einfallsreichtum geführt wurden. So erfuhr nahezu
alles, vom Sport bis zum Ballett, von Radio und Comics bis zur Raumfahrt poli-
tische Signifikanz und konnte als potentielle Waffe eingesetzt werden, um die
Meinungsbildung im eigenen Land sowie in den feindlich gesinnten Gesellschaf-
ten im Ausland zu unterwandern.4
Dieser Wettkampf zwischen den kapitalistischen Demokratien und den kom-
munistischen Staaten war ein einzigartiges historisches Phänomen. Nie zuvor
in der Historie hatten sich zwei Weltreiche so gezwungen gefühlt, ihren Wert zu
beweisen, ihre geistige Überlegenheit zu zeigen, den „Fortschritt“ zu verkünden
und die Anerkennung der Öffentlichkeit in diesem kulturellen Wettkampf zu
gewinnen.5 Kunst wurde im Kalten Krieg als „universelle Waffe“ eingesetzt,
was sich auch daran ermessen lässt, dass neben den offiziellen Agenturen auch
Institutionen mit verdeckten Agenden operierten, die versuchten, „möglichst
unaufdringlich westliches oder sowjetisches Gedankengut auf der jeweils ande-
ren Seite des Konflikts zu popularisieren“6. Der US-Präsident Dwight
D. Eisen-
hower benutzt für diese Vorgehensweise auch den Ausdruck „psychologische
Kriegsführung“:
Unser Ziel im ‚Kalten Krieg‘ ist nicht die Eroberung von Land oder Unterwer-
fung durch Zwang. Unser Ziel ist subtiler, durchdringender, umfassender. Wir
versuchen, die Welt mit friedlichen Mitteln so weit zu bekommen, der Wahrheit
zu glauben […]. Die Mittel, die wir zur Verbreitung dieser Wahrheit benutzen,
werden häufig ‚psychologisch‘ genannt […] ‚psychologische Kriegsführung‘ ist
der Kampf für den Geist und Willen der Menschen.7
Mit diesem kulturell geführten Kalten Krieg ging ein Effekt einher, der die Staats-
macht mit den Institutionen der Kunst und Literatur verband. Persönlichkeiten
aus der bildenden Kunst, der Literatur, der Kritik, dem Verlagswesen und der
Publizistik dienten als Informanten oder Agenten für staatliche Agenturen und
politik der USA als bedrohliche Geste für die Sowjetunion kritisiert, die ein „Wettrennen mit
der Atombombe mit tödlichem Ernst“ auslösen würde.
4 Tony Shaw: The Politics of Cold War Culture. In: Journal of Cold War Studies 3 (2001) H.
3, S. 59–76, hier S. 59.
5 Caute: The Dancer Defects, S. 3.
6 Stöver: Der Kalte Krieg, S. 279.
7 Blanche Wiesen Cook: The Declassified Eisenhower. New York: Doubleday 1981, S. 121, zit.
n. Serge Guilbaut: Wie New York die Idee der modernen Kunst gestohlen hat. Abstrakter Expres-
sionismus, Freiheit und Kalter Krieg. Dresden, Basel: Verlag der Kunst 1997, S. 239 f.
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464 12 Kunst im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918