Seite - 468 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Bild der Seite - 468 -
Text der Seite - 468 -
Zweiten Republik konfrontiert sahen.15 In Henz verkörpert sich darüber hin-
aus die Kontinuität des österreichischen „Ständestaates“ bis weit in die Nach-
kriegszeit, fungierte er doch als Leiter des „Kulturreferats der Vaterländischen
Front“ und wissenschaftlicher Direktor der „RAVAG“ während des Austrofa-
schismus ebenso wie als Programmdirektor des Österreichischen Rundfunks
nach 1945.
Das satirische Element im Kartonismus entsteht durch die Umkehrung der
historischen Konstellationen. Denn eigentlich verband sich ab den 1950er-Jah-
ren der „ästhetische Ausschließlichkeitsanspruch abstrakter Kunst“ mit den
westlichen Kunstinstitutionen.16 Dieser diente als Gegenentwurf zum Sozialis-
tischen Realismus, der offiziellen, doktrinären Kunstrichtung der Sowjetunion
und ihrer Satellitenstaaten. Obwohl im Westen starke Vorbehalte gegen abstrak-
te Kunst geäußert wurden, war sie „eine bittere Medizin gegen die vergangene
Kunst der Nazis und die gegenwärtige der Kommunisten“17, deren – bei ober-
flächlicher Betrachtung erkennbare – Gemeinsamkeit das Festhalten an der
Gegenständlichkeit war. Unter Künstlerinnen und Künstlern war von der soge-
nannten „Marshallplan-Kunst” die Rede, da die abstrakte Kunst gleichzeitig mit
den CARE-Paketen und den Krediten des European-Recovery-Program in Euro-
pa eintraf. Da also die gegenständliche und realistische Kunst durch den Natio-
nalsozialismus sowie ihr Pendant im sowjetischen Einflussbereich desavouiert
war, galten informelle Strömungen in der bildenden Kunst gleichsam automa-
tisch als Bekenntnis zum freien Westen. Der besondere Kniff der amerikanischen
Nachkriegspolitik war es, „jede direkte Übertragung von Ideologien und politi-
schen Problemen in die Kunst“18 zu vermeiden. Stattdessen versuchten die USA
mittels groß angelegter Ausstellungen über moderne amerikanische Kunst das
Weltbild einer freien demokratischen Kultur, die nur von freien Individuen
geschaffen werden könne, in Europa zu propagieren,19 sowie dem durch die
Russen verbreiteten Bild, die USA wäre eine infantile, Kaugummi kauende,
Coca-Cola, Comics und Soap-Operas konsumierenden Nation, entgegenzuwir-
ken. Andererseits blieb Ministerpräsident Nikita Chruschtschow auch während
des sogenannten „Tauwetters“, als das kulturpolitische Klima in der Sowjetunion
hinsichtlich moderner künstlerischer Strömungen liberaler wurde, scharfer Kri-
tiker der modernen Kunst und ein Verfechter des Sozialistischen Realismus.20
15 Oliver Rathkolb: Die paradoxe Republik. Österreich 1945 bis 2010. Innsbruck: Haymon 2011,
S. 235.
16 Gillen: Feindliche Brüder?, S. 84.
17 Ebd.
18 Guilbaut: Wie New York die Idee der modernen Kunst gestohlen hat, S. 30.
19 Gillen: Feindliche Brüder?, S. 94.
20 So äußerte sich Chruschtschow auf einer Sitzung der Ideologiekommission des ZK über abs-
trakte Malerei: „Das ist Pornographie, keine Kunst. Das muß verboten werden! Sogar abstrak-
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
468 12 Kunst im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918