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In Österreich trafen die modernen Kunstströmungen nach 1945 ebenso auf
Unverständnis und teilweise auf besonders verhärtete Ablehnung, galten doch
auch nach der Befreiung vom Nationalsozialismus die konservativen bis post-
völkischen Kunstströmungen in der offiziellen Kulturpolitik als staatstragend
und die Avantgardisten und modernen Künstler als unbequem oder gar verpönt.
Im Kartonismus fasst Henz die ablehnende Haltung der westlichen (österreichi-
schen) Gesellschaft gegenüber modernistischen Tendenzen in der Kunst in einem
Narrativ, das politische und ästhetische Positionen verbindet. Der „Kleckserei-
en“ (K 15) malende Künstler Mario Rondo soll in einer kleinen Dorfkirche in
Burgstall nahe der Grenze zur VVR ein Fresko anfertigen. Rondo gehört der
Künstlergruppe „Die Geworfenen“ an, die von einer Republik träumt, in der
„jeder Begabte vom Staate besoldet und durch Ankauf seiner Werke gefördert“
wird und die sich einer fiktiven linksradikalen Partei verschrieben hat, die „zu
radikal für demokratische Sozialisten [und], nicht links genug für [die] Kom-
munisten“ (K 21) ist. Der Maler kann sich auch nach vier Wochen Arbeit nicht
entscheiden, ob er in seiner Darstellung Gott als „rote Spirale auf ockerfarbenem
Grund oder als blaue, als Rechts- oder Linksspirale malen soll“ (K 55). Obwohl
der Pfarrer des Dorfes modernen Darstellungsformen gegenüber aufgeschlossen
ist, sammelt sich die vox populi im Burgstaller Wirtshaus, wo ein Lehrer aus
„Pimmelsdorf“ in besonders vulgärem Ton über moderne Kunst schimpft und
postuliert: „Wenn Hitler nur Autobahnen gebaut und diese verrückten, bösar-
tigen, zersetzenden Künstler zum Teufel gejagt hätte! Wir haben die Autobah-
nen übernommen, die VVR die reine wahre Kunst“ (K 47).21
tes Geschmiere wird zum Endpunkt und zur Krone der Schöpfung erklärt. Welcher Idiot geht
hinter diesem Banner? […] Ins Gefängnis sollte man sie nicht bringen, sondern ins Irrenhaus.
[…] Das sind Menschenhasser […] Das ist tierische Wut des Feindes der sowjetischen Gesell-
schaft.“ Vgl. Protokoll einer Sitzung der Ideologiekommission des ZK vom 14.
Dezember 1962.
vgl. Leonid
P. Taločkin, Irina
G. Alpatova (Hg.): Drugoe iskusstvo. Moskva 1956–76. Moskau:
Alpatova 1991, zit. n. Karen Laß: Vom Tauwetter zur Perestrojka. Kulturpolitik in der Sowjet-
union (1953–1991). Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2002, S. 158.
21 Es scheint, als habe sich Henz bei seiner Figur des Mario Rondo an dem Fall des abstrakten
Malers Max Weiler orientiert, dessen Fresken für die Theresienkirche in Innsbruck 1946 für
öffentliche Kontroversen gesorgt hatten. Dagegen galten die Fresken des während des Natio-
nalsozialismus akkreditierten Künstlers Rudolf Eisenmenger als akzeptabel, während Weilers
Innsbrucker Bahnhofsfresken sowie seine abstrakte Darstellung des Tiroler Freiheitskampfes
noch 1956 zu einem Skandal bei ÖVP und SPÖ führten. Aber auch das kommunistische Tage-
buch kritisiert das Wandgemälde Weilers und forderte gemäß den Prinzipien des sozialisti-
schen Realismus, der die Kluft zwischen Künstler und Volk schließen sollte: „Unsere modernen
Maler müssen disziplinierter werden, wenn sie volksverbunden bleiben wollen.“ Richard Mül-
ler-Welten: Max Weiler im Kreuzfeuer: Ein Wandgemälde erregt Tirol. In: Tagebuch
10 (1955)
H. 1, S. 8. Freiheit und Doktrin: Abstraktion vs. Sozialistischer Realismus 469
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918