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te Kunst“ (K 222) des modernen und heutigen Menschen darstellt, für den Osten
eine Überbietung der Westkunst, die Hasil, der Erfinder des neuen „Ismus“ frei-
lich genauso zum „Speien“ (K 201) bringt wie die moderne Kunst insgesamt,
sodass er letztlich eigene Kunstwerke, die mittlerweile im „Museum für heutige
Kunst“ in Wien ausgestellt sind, anzündet.
Orthodoxe Doktrin
Die offiziell gewünschte Kunst des fiktiven Staates VVR zeigt der Kartonismus
anhand der Beschreibung des Kunstpalastes:
Die Bilder der verdienten VVR-Künstler hängen dicht gedrängt im Korridor. Gie-
ßereien, Walzwerke in Farbspielen, die den seligen Menzel vor Neid erblassen lie-
ßen, Spinnereien, Agronomen, Traktoristinnen, Funktionäre beim Planspiel, viel,
viel Militär, revolutionär-schäbiges und militaristisch herausstaffiertes nebenei-
nander, Gesichter, in denen der Abscheu vor jedem Krieg brennt, Gesichter, die
nach kriegerischer Bewährung lechzen. (K 135)
Ganz offensichtlich haben wir es hier mit Bildern im Stil des Sozialistischen
Realismus zu tun, figurative Gemälde mit optimistisch getönten Sujets aus der
Arbeits- und Funktionärswelt. Der Begriff „Sozialistischer Realismus“ hatte erst-
mals in einer Resolution im Jahr 1932 Erwähnung gefunden und war 1934 am
„Ersten Allunionskongress der Schriftsteller“ der KPdSU zum einzig gültigen
Stil erhoben worden. Kennzeichnend für den Begriff war, dass er eine „verord-
nete Verbindung von Politik und Kunst, von Kultur und Ideologie“31 darstellte,
die dem Zweck und Ziel diente, in der Gegenwart schon Ursprünge der späteren
sozialistischen Zukunft darzustellen. Die VVR, die sich selbst als „der fortschritt-
lichste Staat der Welt“ in jeder Hinsicht betrachtet, proklamiert dies natürlich
auch für ihre Kunst: „Also auch die Porträts der Traktorenmädchen und Gieße-
reiarbeiter, die Riesengipsfiguren des Staatspräsidenten.“ (K 134)
Die sowjetischen Künstlerinnen und Künstler konnten sich gegen diese Poli-
tisierung der Kunst kaum zur Wehr setzen, denn wer gegen die Prinzipien des
Sozialistischen Realismus protestierte oder Werke schuf, die als nicht systemkon-
form klassifiziert wurden, musste damit rechnen, aus Künstlerorganisationen aus-
31 Patrice Neau: „Die Kluft zwischen Kunst und Volk überwinden.“ Ideologische Kämpfe in den
bildenden Künsten der SBZ und der DDR am Beispiel der ersten drei Deutschen Kunstausstel-
lungen (1946–1953). In: Olivier Agard, Christian Helmreich, Hélène Vinckel-Roisin (Hg.): Das
Populäre. Untersuchungen zu Interaktionen und Differenzierungsstrategien in Literatur, Kul-
tur und Sprache. Göttingen: V&R unipress 2011. S. 281–296, hier S. 288.
Freiheit und Doktrin: Abstraktion vs. Sozialistischer Realismus 473
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918