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geschlossen zu werden und damit jeder Möglichkeit produktiven künstlerischen
Schaffens beraubt zu sein. Der Kommunismus stalinistischer Prägung hatte von
Karl Marx, Friedrich Engels und Lenin eine klassisch-realistische Ästhetik in Lite-
ratur und Kunst übernommen, die es ihm ermöglichte, sich zum genuinen Erbe
des griechischen Dramas, der Renaissance, Shakespeares, Rembrandts und Goethes
zu ernennen.32 Dies ging Hand in Hand mit einer Feindlichkeit gegenüber der
Avantgarde, die als „dekadent“ verdammt wurde. Bereits Lenin hatte die „Ismen“,
Futurismus, Surrealismus, Impressionismus, Konstruktivismus verspottet.
Die Mitgliedschaft in der „Union der Sowjetischen Künstler“ war eine gesetz-
liche Voraussetzung für alle, die professionell schöpferisch tätig sein wollten.
Die Union und das Kulturministerium waren die einzigen Körperschaften, die
dazu ermächtigt waren, Kunstwerke in Auftrag zu geben und Zahlung zu leis-
ten, für die Kunstschaffenden selbst war es illegal, ihre Werke zu verkaufen. Die
„Union“ publizierte auch die drei wichtigsten Kunstmagazine der UdSSR.
Da es zunächst keine eindeutige Bestimmung des aus der Literatur herkom-
menden Begriffs „Sozialistischer Realismus“ für die bildende Kunst gab, bemüh-
te man sich um eine Definition ex negativo, die sich aus Verboten zusammen-
setzte: Politische Kunst, die das Parteiprogramm nicht unterstützte bzw. die
Führer der Sowjetunion kritisierte, war ebenso verpönt wie religiöse und eroti-
sche Kunst, die immer in Verdacht der „Pornographie“ geriet, sowie formalisti-
sche Kunst, wozu alles gezählt wurde, was von der offiziellen Linie abwich.33
Der Sozialistische Realismus zielte stets „auf die Widerspiegelung der vollkom-
menen Harmonie des gesellschaftlichen Kunstwerks“34, war gleichzeitig Teil
dieser Harmonie und hatte die Aufgabe, die Vorstellungen der politischen Eliten
von Harmonie oder Utopie an die Bevölkerung zu vermitteln. So waren die
Kunstwerke des Sozialistischen Realismus auch immer eine inszenierte Wirk-
lichkeit, ein Wunschbild, eine ins Heute projizierte Antizipation einer idealen
Zukunft. Diesen Visionen entsprang eine „biedere Realpolitik, die sich an pro-
pagandistisch sanktionierten Zielen orientiert“.35
Die orthodoxen Vertreter des Sozialistischen Realismus bedienten sich in der
Abwehr gegenüber den westlichen Kunstrichtungen, die als „Formalismen“ dif-
famiert wurden, ähnlicher Argumente wie die Nationalsozialisten hinsichtlich
der „entarteten Kunst“:
Eine Kunst aber, die sich Entartung und Zersetzung zum Vorbild nimmt, ist pa-
thologisch und antiästhetisch. […] Entartung und Zersetzung sind charakteris-
32 Caute: The Dancer Defects, S. 8.
33 Laß: Vom Tauwetter zur Perestrojka, S. 19.
34 Gillen: Feindliche Brüder?, S. 146.
35 Ebd.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
474 12 Kunst im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918