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tisch für eine ins Grab steigende Gesellschaft. […] Die Propagierung der Entar-
tung, die Popularisierung des Verbrechens, die Verbreitung von Stimmungen der
Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung […] bewirken nur, daß den Werktätigen der
Glaube an ihre eigenen Kräfte und Fähigkeiten geraubt wird […]. Man darf sich
nicht darauf verlassen, daß die Arbeiter und Bauern ‚alles schlucken‘ […], zumal
doch die entartete ‚Kunst‘ von den ‚Autoritäten‘ der zerfallenden bürgerlichen Ge-
sellschaft sanktioniert ist.36
In Henz’ Roman proklamiert die VVR zwar die Freiheit der Kunst als neues Pro-
gramm, aber diese Freiheit bleibt mit einem Verbot behaftet, wie der VVR-Kul-
turminister in seiner Rede bei der Ausstellungseröffnung der Schachtelplastiken
ausführt:
[…] dafür aber könne in der VVR ab nun jeder Künstler dichten, malen, musi-
zieren wie er wolle, natürlich, impressionistisch, expressionistisch, surrealistisch,
konkret, abstrakt. Verboten sei allein, irgendeine Richtung zu diskriminieren,
durch außerkünstlerische Mittel zu behindern, Tabus aufzurichten und irgendei-
ne Richtung durch terroristische Maßnahmen zu fördern. (K 142)
Den Eindruck zu vermitteln, dass sich die VVR nun avantgardistischen Kunstrich-
tungen öffne, ist die Agenda des VVR-Generals, der angesichts der „Erfindung“
des Kartonismus verkündet, dass die „ganze freie Welt […] kopfstehen“ wird:
„Tauwetter in der VVR oder wie Sie das nennen, als ob bei uns etwas eingefro-
ren wäre.“ (K 98) Hasil, der sich jenseits der Fraktionen fühlt, befürchtet, dass
die VVR-Geheimpolizei ihn und seine Kunstwerke nur dazu gebraucht, subver-
sive VVR-Künstler in die Falle zu locken (vgl. K 132).
Die Pressereaktionen der „freien Welt“ angesichts dieses neuen „Ismus“ kon-
trastiert Henz in seinem Text mit Hasils Gefangenschaft und dem Terrorismus
der Geheimpolizei. Der Westen feiert die neue Kunst und setzt sofort zu ihrer
Vermarktung an:
Bestellung auf kartonistische Plastiken jeder Größe und Art, 375 Stück allein
für Galerien und Museen von Helsinki bis Kapstadt, von Caracas bis Yokohama.
Hunderte Anfragen kapitalistischer Händler und Auktionshäuser. Preisangebote
von 200 bis 2000 Dollar, von bloßer ‚Made in VVR‘ bis ‚Original Hans Uwe Hasil‘.
(K 178)
36 N. Orlow: Wege und Irrwege der modernen Kunst. In: Tägliche Rundschau, 20./21.1.1951,
zit. n. Gillen: Feindliche Brüder?, S. 144.
Freiheit und Doktrin: Abstraktion vs. Sozialistischer Realismus 475
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918