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Friedrich Torberg verband den künstlerischen Produktionsprozess direkt mit
der Aufrüstung, die die Rahmenbedingungen einer „freien“ Kunst erst ermög-
lichte und hob zu dem Edikt an:
Verachtet mir die Panzer nicht und ehrt mir ihre Kunst. Annähernd gleichmäßig
auf beide Seiten verteilt, sind sie eher ein Schreib- als ein Kriegsrequisit, sind sie
eine sehr brauchbare, ja kaum entbehrliche Unterlage zum Aufsetzen von Verträ-
gen und eine nüchterne, sachliche, dem Zeitalter der Stahlrohrmöbel durchaus
angepaßte Sitzgelegenheit, die vielleicht kein Behagen bietet, aber doch eine ge-
wisse Rückendeckung.47
Über das kommunistische „Theater in der Scala“ in Wien schrieb die Arbeiter-Zei-
tung, sie wäre „eine der vielen antiösterreichischen Waffen, mit denen unser Land
in die Knechtschaft gezwungen werden sollte“ und da es als Parteitheater „nichts
anderes als ein Propagandainstrument mit Kulturtarnung“ wäre, würde die „Sca-
la“ vom Wiener Theaterpublikum „als eine Waffe in Feindeshand“ angesehen, die
es, so postuliert es die Zeitung, zu meiden galt.48 Was das österreichische Publikum
betraf, würden die „Dolchstöße der ‚Kultura‘“49 ohnehin ins Leere gehen.
Henz’ Roman nimmt diese Metaphorik bereitwillig auf. Die Rezensionen, die
Hasil über seine „Kartonismus“-Ausstellung im „Kunstpalast der Vollkomme-
nen Volksrepublik“ liest, sprechen immer wieder den Zusammenhang von Kunst
und (Ab-)Rüstung an. So prophezeit eine britische Zeitung Hasils Schachtelplas-
tiken eine „ähnliche welterschütternde Wirkung voraus wie der seinerzeitigen
V2-Rakete“ (K 169), deren Wirkung freilich mehr propagandistischer denn tat-
sächlich militärischer Art war. Der Pariser Starkritiker Marcel Renard, der sich
aus der VVR das Gegengewicht zum „Terror“ des Abstrakten im Westen erhofft,
singt in seiner Kritik ein „atemloses Loblied“ (ebd.) auf die neue Linie der
VVR-Kulturpolitik, die alle fortschrittlichen französischen Intellektuellen bestä-
tigen würden. In amerikanischen Blättern wird die neue Linie als ein „Riesen-
schritt zur praktischen friedlichen Koexistenz“ (K 172) begrüßt:
Sie legten der VVR-Regierung nahe, auch auf dem Gebiet der Abrüstung oder
Rüstungskontrolle ein ähnliches spektakuläres Faktum zu setzen, wie es der
K[lub]. d[er]. H[eutigen]. in der Kulturpolitik sei. Angst vor einer negativen In-
filtration der USA-Literatur durch einen allzuengen Kulturaustausch sei fehl am
Platze. Drei USA-Literaten (ohne die ganze Beatnik-Gruppe) seien ohnedies be-
reits negativer als hundert VVR-Künstler zusammen. (K 172)
47 Torberg: Gespräch mit dem Feind?, S. 15.
48 j.h.: Die Scala. In: Arbeiter-Zeitung, 25.2.1956. S. 1–2, hier S. 2.
49 Ebd. Kunst und Kultur als Waffe im Kalten Krieg 479
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918