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sendungen, Konferenzen, Kunstausstellungen und Konzerte.53 Dem Kongress,
der durch sogenannte „dummy foundations“ (Rockefeller Foundation, Ford
Foundation) von der CIA finanziert wurde, ging es vor allem darum, moderne
Kunst als die „dem Westen eigene Form ästhetischer Selbststilisierung durch-
zusetzen“.54 In der Auseinandersetzung mit dem Stalinismus mobilisierte der
Kongress das kulturelle Selbstverständnis mit den antitotalitären Kampfbegrif-
fen von moderner Kultur und „Freiheit der Kultur“. Denn nach Ende des Zwei-
ten Weltkrieges war ab August 1946 der Sekretär des „Zentralkomitees“ für Kul-
tur und Propaganda der KPdSU, Andrej Schdanow, mit einer gnadenlosen
Kampagne gegen Formalisten in der sowjetischen Kultur hervorgetreten: Aus-
gehend von seiner „Zwei-Lager-Doktrin“55 wurde ab 1947 damit begonnen, die
westlichen Kulturkonzepte zu attackieren. Der Formalismusvorwurf ging an
Künstler, die bürgerliche (also modern-abstrakte Kunst) produzierten, die als
ein typisches Verfallsprodukt einer „degenerierten und dekadenten Gesellschaft“56
dargestellt wurde. Das sowjetische Regime verdammte ausländische Theaterstü-
cke, moderne Musik und Malerei, zwang international renommierte Künstler
zur Selbstkritik und erzwang den Primat der Volkstümlichkeit in der Kultur.
Kunst und Literatur mussten die „einheimische Kultur in schlichten Bildern
preisen und den heimatlosen Kosmopolitismus aus ihren Werken vertreiben“57.
Dies führte nicht nur zu einer Erstarrung des sowjetische Kulturlebens und einer
Verurteilung und Verdammung von allem, was aus dem Ausland kam, sondern
auch dazu, dass die sowjetische Kunst in der Isolation verharrte und den Anschluss
an den Westen verlor.
So diente die vom CCF organisierte Ausstellung „Meisterwerke des XX.
Jahr-
hunderts“, die im Mai 1952 in Paris eröffnet wurde, einerseits dazu, der Anti-
formalismuskampagne der Stalinisten öffentlichkeitswirksam zu begegnen, ande-
rerseits dazu, um die „westlich-moderne Kunst als politisch-kulturelles Instrument
gegen die Vorstellungswelten totalitärer Kulturkonzepte“58 nutzbar zu machen.
Die Abstraktion in der bildenden Kunst sowie die Atonalität in der Musik spiel-
53 Gillen: Feindliche Brüder?, S. 86.
54 Hochgeschwender: Freiheit in der Offensive, S. 39.
55 Schdanows „Zwei-Lager“-Theorie kann als Gegenentwurf zur Trumandoktrin und zum Mar-
shallplan gelten; sie entwarf eine bipolare Weltordnung mit dem „imperialistischen“ und „antide-
mokratischen“ Lager, unter Führung der USA, und dem „antiimperialistischen“ und „demo-
kratischen“ Lager unter Führung der Sowjetunion.
56 Hochgeschwender: Freiheit in der Offensive, S. 133.
57 Baberowski: Der rote Terror, S. 249 f.
58 Hochgeschwender: Freiheit in der Offensive, S. 285. Vgl. zur Ausstellung „Meisterwerke des
XX. Jahrhunderts“ auch Gilles Scott-Smith: The ‘Masterpieces of the Twentieth Century’ Fes-
tival and the Congress for Cultural Freedom: Origins and Consolidation 1947–1952. In: Intel-
ligence and National Security 15 (2000) H. 1, S. 121–143.
Kunst und Kultur als Waffe im Kalten Krieg 481
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918