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aus. In einem Bericht führt er aus, dass es durch den Einsatz von Agenten gelun-
gen sei, Versuche von Avantgardekünstlern zu unterbinden, ihre Werke bei pri-
vaten Treffen zu zeigen, so als ob es sich um geheime Invasionspläne handeln
würde.65
Der Kartonismus dreht dieses Bedrohungsszenario um, indem hier der Osten
subversive Kunst schafft, um den Westen zu unterwandern und damit zu schwä-
chen. An einer Stelle des Romans tritt Doktor Bürger, ein Kunstkritiker der fik-
tiven, als konservativ beschriebenen Zeitschrift „Echo“ auf, der eine Brandrede
gegen die moderne Kunst hält und erklärt, dass in der VVR „jedes Ding seine
außen- und innenpolitische Seite“ (K 230) hätte. Bürgers Ansicht nach wäre das
außenpolitische Motiv des neuen „Ismus“, der Kunst des Westens den Todesstoß
zu versetzen. Aus innenpolitischer Perspektive sei der „Kartonismus“ eine „kla-
re imperialistische Entartung, eine kapitalistische Scharlatanerie, eine Geheim-
waffe gegen unsere Kultur“ (ebd.). Doktor Bürger kommt zu dem Schluss, dass
den Kartonismus „weder ein Hans Uwe Hasil, noch einer von den jungen angeb-
lich vergewaltigten VVR-Künstlern erfunden [hat], sondern der Kulturminister
oder der Chef des VVR-Geheimdienstes persönlich“ (K 231). Hiasl steht ange-
sichts von Bürgers These „das Maul offen, so sehr hatte diesen ungewöhnlichen
Mann der gesunde Menschenverstand an die Wahrheit herangelotst“ (ebd.).
Mit derselben Logik, wie sie Bürger vertritt, und denselben Ressentiments
wie Henz stuften zahlreiche Akteure auf beiden Seiten des Kalten Krieges die
modernen Kunstformen („Ismen“) als Bedrohung und sogar als eine besondere
Form der Verschwörung ein. Auf westlicher Seite findet sich prominent der
US-Senator George
A. Dondero, ein Anhänger von Joseph McCarthy sowie des
„House Committee of Un-American Activities“, der in zahlreichen Reden unter
Berufung auf die mit der modernen Kunst intendierten kommunistischen Ver-
schwörungszenarien hinwies. Laut Dondero waren die „ultramodernen Künst-
ler“, insbesondere solche, die mit Expressionismus, Futurismus, Surrealismus
oder Konstruktivismus assoziiert wurden, sowie ihre Kulturprodukte ein sub-
versives Instrument des Kremls:
The artists of the ‘isms’ change their designations as often and as readily as the
Communist front organizations. [Fernand] Léger and [Marcel] Duchamp are now
in the United States to aid in the destruction of our standard and traditions. The
former has been a contributor to the Communist cause in America; the latter is
now fancied by the neurotics as a surrealist.66
65 Vgl. Andrew, Mitrochin: Das Schwarzbuch des KGB, S. 422.
66 George A. Dondero: Modern Art Shackled to Communism. Rede vor dem „House of Repre-
sentatives“, 16. August 1949, zit. n. Caute: The Dancer Defects, S. 545.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
484 12 Kunst im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918