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an.81 Unter den westlichen Intellektuellen und in der Künstlerelite fanden sich
mehr kommunistische Sympathisanten als tatsächliche KP-Mitglieder, dennoch
rekrutierte der sowjetische Geheimdienst in diesem Milieu seine besten Spione.
In den USA bestand ein illegales Netz von Informanten in Washington, die in
verschiedenen Behörden der Roosevelt-Regierung arbeiteten.82
An der Konstruktion der Figur des Künstlers als Spion beteiligt sich auch der
– den österreichischen Wiederaufbau schildernde – Roman Das Haus in der Bri-
gittastraße (1955)83 der kommunistischen Schriftstellerin Susanne Wantoch.
Neben der Hauptfigur, der Arbeiterin Martha Stanzl, die ihren Mann sowie ihr
Heim im Zweiten Weltkrieg verloren hat und als Schneiderin in einem kleinen
Betrieb arbeitet, sticht eine Nebenfigur namens Leo Leitner hervor. Leo ist ein
Künstler, der vom amerikanischen Geheimdienst CIC erpresst wird, sich kaufen
lässt und zum Agenten wird. Die Figurenzeichnung ist deutlich negativ, aber für
eine kommunistische Autorin wenig überraschend. Die Figur des gewissenlosen
Künstler-Spions wird völlig desavouiert, da Leo nicht nur dem Alkohol zugetan,
sondern auch pädophil ist. Er verführt junge Mädchen und Burschen. Darüber
hinaus bietet Leo einem befreundeten Künstler namens Ferdinand Wernigg, der
Mitglied der Künstlergruppe „Die Ratten“ ist, für 1000 Schilling den Auftrag an,
„am Kreuzzug gegen den Bolschewismus“ (HB 167) teilzunehmen. Ferdinand
soll ein Dossier mit einer Liste seiner ehemaligen SA-Kameraden erstellen und
ermitteln, ob sie politisch zuverlässig sind: „Es gibt Leute, die für so eine Liste
sehr gut zahlen, sogar in Dollars.“ (HB 168) Nachdem Ferdinand die ihm gege-
bene Aufgabe aus Gewissensgründen nicht erfüllt und Leo die 1000 Schilling
zurückgibt, beginnt auch letzterer „seinen Agentenberuf mit andern Augen
anzusehen als früher“ (HB 231) und kommt zu dem Schluss, dass er „für die
Herrschaften oben […] tatsächlich nur ein Achtgroschenjunge [war], und auf
die subtile Empfindsamkeit eines Künstlers […] niemand Rücksicht“ (ebd.)
nimmt. Die Aufgaben eines Spitzels, die ihm von einem CIC-Mann mit „kalten
Fischaugen“ (ebd.) gegeben werden, stoßen auch bei Leo schlussendlich auf
Ablehnung:
81 Vgl. Carl Zuckmayer: Geheimreport. Hrsg. v. Gunther Nickel u. Johanna Schrön. München:
dtv 2004.
82 Vgl. Subok, Pleschakow: Der Kreml im Kalten Krieg.
83 Der Roman erschien in Fortsetzungen 1952/1953 in der Österreichischen Volksstimme
und 1955 im Globus Verlag in einer Auflage von 4100 Exemplaren. Weitere 1300 Exemplare
erschienen in der Ausgabe der Buchgemeinde, einer von der KPÖ initiierten Buchgemeinschaft.
Vgl. Erich Hackl: Abgängig seit Juli 1959. Erster Bericht über die Schriftstellerin Susanne Wan-
toch. In: Ders.: In fester Umarmung. Geschichten und Berichte. Zürich: Diogenes 1996, S.
290–
317. Künstler als Spione, Spitzel und Fellowtraveller 489
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918