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Künstler und Kunstwerk im totalitären System
Wer behauptet, daß wir Kommunisten unseren Malern oder unseren Musikern oder
sonst irgend jemandem eine Uniform, eine Kappe aufzwingen, ist ein Feind oder ein
Dummkopf.96
Der Erfinder des „Kartonismus“ Hans Hiasl ist „[e]in Gefangener der Weltsitu-
ation […], einer des kalten Krieges, ein ‚Kalter Kriegsgefangener‘ […], dessen
physische und moralische Existenz an einem kulturellen Faden“ (K 191) hängt.
Folgerichtig ist Hiasl nicht nur im Osten ein Gefangener der VVR-Geheimpo-
lizei, sondern wird auch im Westen inhaftiert. Da er die Kunstwerke seines Alter
Ego Hasil anzündet, die im Wiener „Museum für heutige Kunst“ ausgestellt wer-
den, wird ihm der Prozess gemacht. Aufgrund der Vernichtung seiner eigenen
Kunstwerke wird er als psychisch Kranker in einem „Narrenhaus für angehende
Künstler“ (K 238), wo sich „[k]rankhafte Lyriker, überhebliche Industrielle, Diri-
genten oder andere Stars […], Ingenieure, Professoren, Politiker“ (ebd.) befin-
den, interniert. Hasil ist davon überzeugt, dass der locus classicus der Normali-
tät in der heutigen Zeit die Irrenhäuser wären und beschließt, sich in zehn
Jahren mit „neokartonistischen Figuren in Erinnerung [zu] bringen […] [s]
oferne die total verrückte Welt da draußen hinter den Kalkbergen dann noch
existiert“ (K 255). Seine Unfreiheit im Westen scheint ihn nicht zu stören, die
Anstalt ist quasi der letzte Fluchtpunkt des Künstlers, der zwischen den Ideolo-
gien von Ost und West aufgerieben wird. Diese Konstruktion erinnert an Fried-
rich Dürrenmatts Theaterstück Die Physiker (1962), das bekanntlich ebenfalls
in einer psychiatrischen Klinik spielt.
Anders konzipiert der bis heute unaufgeführt gebliebene Dramentext Das
Aushängeschild (1959) von Helmut Schwarz das Verhältnis von Künstler und
totalitärem Staat. Hier ist es der Musiker und Dirigent Werner Maybruck, der
aus Bequemlichkeit das Angebot annimmt, die Position des Direktors im neu-
gebauten Opernhaus der DDR zu besetzen. So macht sich Maybruck zu einem
„Aushängeschild“ der Diktatur und erkennt, wie er für deren politische Zwecke
instrumentalisiert wird:
Sie teilen die Menschen in Kategorien ein, je nach Brauchbarkeit. Danach bemes-
sen Sie nicht nur die Bezahlung, sondern auch das Maß ihrer persönlichen Frei-
heit. Aber jeder Mensch ist für sich ein Sonderfall – verstehen Sie? Ihre Gleichheit
und Brüderlichkeit aber steht nur auf dem Papier. (A 73)
96 Roger Garaudy zit n. E. S. Burg: Muß Kunst „verständlich“ sein? In: Die Zeit 1 (1948) H. 6,
S. 20.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
494 12 Kunst im Kalten Krieg
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918