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Destruktiven, reaktionären Elementen gelang es, sie [die Künstlerschaft, Anm. d.
Verf.] zu zersetzen, so daß in ganz kurzer Zeit der Name ‚Künstler‘ identisch wur-
de mit Kritikaster, Querulant, Asozialer. In den Staatsprozessen jener Jahre tau-
chen immer wieder die Namen der Künstler auf; als Hauptangeklagte, als Gehilfen
und Helfershelfer der Verschwörer wider die autonome M.G. (AT 87)
Das „BÜRO“ beschließt (vgl. AT 88) eine radikale politische Selektion unter den
Kunstschaffenden und die Zusammenfassung der verbleibenden Künstlerinnen
und Künstler in Kollektive, aus denen sich die Künstlerlager bilden. Diese ‚Säu-
berungen‘ innerhalb der künstlerischen Elite erinnern frappierend an die Praxis
der beiden großen totalitären Systeme im 20.
Jahrhundert. So war das Überleben
von Künstlerinnen und Künstlern in der Sowjetunion unter Stalin meist „reine
Glückssache“.101 Die Schriftsteller Isaak Babel und Ossip Mandelstam wurden
verhaftet und ermordet. Der Theaterregisseur Wsewolod Emiljewitsch Meyer-
hold, als Formalist verurteilt, gestand unter Folter seine angebliche Mitverschwö-
rerschaft sowie seine Tätigkeit als Spion des französischen und japanischen
Geheimdienstes, während der Filmregisseur Sergei Eisenstein – obwohl er immer
wieder mit der Zensurbehörde im Clinch lag – „unbestraft“ blieb. Von Chruscht-
schow unter Druck gesetzt, musste Boris Pasternak 1958 den Nobelpreis für Lite-
ratur ablehnen, weil sein Roman Doktor Schiwago nur im Westen, nicht aber in
der Sowjetunion erschienen war.102 Im „Dritten Reich“ war die Ausschaltung von
Kunstschaffenden weniger willkürlich. Während der ersten ‚Säuberungswellen‘
1933 innerhalb der Künstler und Schriftsteller wurden v.a. deutsche Juden und
Gegner der NSDAP aus ihren Stellungen entfernt. Bis 1938 erteilte man 2310
Musikern, 1657 bildenden Künstlern, 1303 Schriftstellern und 1285 Film- und
Bühnenkünstlern Berufsverbot.103 Es gab aber nicht nur offizielle Akte der Macht-
habenden, sondern die Zensur äußerte sich bereits im Kopf der Kunstschaffen-
den, etwa bei Schriftstellern, die von sich aus über Themen schrieben, von denen
sie wussten, dass sie erwünscht und den Machthabern genehm waren.
Diejenigen Künstlerinnen und Künstler in Heers Achtem Tag, die sich sys-
temkonform und den Vorgaben des „BÜROS“ entsprechend benehmen, erhal-
ten in der „autonomen M.G.“ den Titel „Artisten“; der Begriff „Künstler“ ist
wegen „seines anrüchigen, depravierten Charakters in der öffentlichen Meinung“
(AT 88) diskreditiert. Die gesamte Kunstproduktion obliegt der „BÜRO“-Auf-
sicht und findet ihre Realisierung in dem 30 Kilometer südlich vor Wien liegen-
den „Künstlerarbeitslager Pallas
II“, wo die Kunstschaffenden in genormten Ate-
101 Ebd., S. 490.
102 Vgl. Vladislav Zubok: Zhivago’s Children. The Last Russian Intelligentsia. Cambridge, London:
The Belknap Press of Harvard Univ. Press 2009, S. 18 f.
103 Vgl. Overy: Die Diktatoren, S. 492.
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Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918