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Gemeinsames Glück – gemeinsame Politik
Ein Beispiel für eine Wandlungsgeschichte in Zusammenhang mit einer Liebes-
geschichte ist Franz Kains Romeo und Julia an der Bernauer Straße (1955). Der
in Ostberlin beheimatete Heiner Schradow und die in Westberlin lebende Hel-
ga Kowalski lernen sich in einem Ostberliner Tanzlokal kennen. Ihre Sympathie
ist innerhalb der erzählten Geschichte nicht traditionslos, denn die Väter der
beiden waren vor 1946 Parteifreunde innerhalb der SPD. Vater Schradows Wech-
sel zur SED bedingt den Bruch, der mit dem Bruch zwischen den Arbeiterpar-
teien in Ost- und Westberlin bzw. Ost- und Westdeutschland parallelisiert wird.
Die Liebe zwischen Heiner und Helga symbolisiert das Interesse an einer Koope-
ration linker Parteien in Ost und West, deren Bedingung aus kommunistischer
Sicht allerdings eine Anerkennung der SED-Politik wäre. Dementsprechend fällt
die Wahl des Paares in Bezug auf den gemeinsamen Wohnort schließlich zuguns-
ten Ostberlins aus.
Helga lässt sich also durch ihre Bekanntschaft mit Heiner dazu bewegen, ein
Leben unter der kommunistischen SED-Politik zu wählen, deren System als
wirtschaftlich überlegen dargestellt wird. Allerdings ist sie nicht die einzige
Bekehrte, da Heiner zu Beginn der Handlung selbst politisch indifferent und
skeptisch ist. Durch ihre politischen Differenzen und ihre persönliche Sympa-
thie werden beide zum Vergleich der Systeme angeregt. Erst durch die Beschäf-
tigung mit Fragen des Ost-West-Gegensatzes gelangt das junge Paar zur Über-
zeugung, dass Ostberlin die besseren Lebensbedingungen bieten würde.
Kain kombiniert das Narrativ der Augenzeugenschaft bzw. des konkreten
Erlebens, das auch in Reiseerzählungen (vgl. Kapitel
3: Romeo und Julia) zu fin-
den ist, mit dem Handlungsmoment der Liebesbeziehung, um die Bekehrung
zum Kommunismus überzeugender zu gestalten. Der Text führt vor, wie das
Paar ideologische Vorurteile selbst überprüft, anstatt sie einfach zu übernehmen.
Tatsächlich ist das Moment der konkreten Erfahrung der kritische Punkt, an
dem sich die kommunistische Ideologie beweisen muss. Der Text arbeitet mit
der Fiktion der objektiven Vergleichbarkeit, weshalb die unterschiedlichen ideo-
logischen Vorprägungen der beiden Verliebten zu einer gemeinsamen Überzeu-
gung führen können. Diese konstruierte Objektivität zeichnet die kommunisti-
sche Propagandaliteratur vielfach aus.
Die Bekehrung des Intellektuellen durch die Frau
Ernst Fischer verwendet in seinen Dramen Frauenfiguren, um junge Männer,
die sich aus Freiheitsdrang und Individualismus nicht zum politischen Engage-
ment für den Kommunismus entscheiden können, zu bekehren. In Der große
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
516 13 Konversion, Bekehrung, Renegatentum. Narrative des Seitenwechsels.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918