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lichen Beziehung, der (Nächsten)liebe und die Betonung von sozialen und huma-
nistischen Werthaltungen in Zusammenhang mit Bekehrungs- oder Konversi-
onsnarrativen findet sich auch in christlichen Texten wie Der achte Tag und
Moskau 1997, in denen ebenso wie in kommunistischen Texten Akzeptanz bei
der Leserschaft für die ideologischen Systeme erzeugt werden soll, denen die
Konversion/Bekehrung gilt.
Konversion und Bekehrung der Eltern durch die Kinder
Konversions- und Bekehrungserzählungen finden sich auch in kommunistischen
Kinder- und Jugendbüchern, wobei auffällt, dass Kinder als treibende Kräfte der
Konversion oder Bekehrung dargestellt werden, während Eltern als zweifelnde,
aber schließlich überzeugbare Konvertitinnen und Konvertiten oder Bekehrte
auftreten. In Leo Katz’ Roman Die Grenzbuben (1951) erwirken die Kinder eine
‚Bekehrung‘ ihrer Eltern zu einer offenen und freundlichen Haltung gegenüber
dem Kommunismus und den kommunistischen Staaten, nachdem die Eltern
zuvor von antikommunistischen Autoritäten (Schuldirektor, Waisenhausdirek-
tor) gegen die ungarische Volksdemokratie eingenommen wurden. Zwar wird
hier nicht der Wechsel expliziter politischer Bekenntnisse dargestellt, sondern
nur eine Verschiebung der politischen Einstellungen, jedoch wird das Prinzip
eines betont zwanglosen prokommunistischen Sinneswandels bei Erwachsenen
durch die Schilderungen ihrer Kinder deutlich. Außer den Eltern erfährt auch
noch der Großteil der Bevölkerung des Heimatdorfes und seiner Nachbardörfer
eine Wandlung seiner Einstellung. Dies ist auch eines der Handlungselemente,
welche von der Lektorin des Kinderbuchverlages explizit eingefordert wurden.
An der zuerst eingesandten Version monierte sie: „Die Greuelmärchen erweisen
sich als Lügen, alle bösen Ahnungen als sinnlos, – aber die betroffenen Perso-
nen lernen nichts, die Wirkung bleibt aus, die Menschen machen keinerlei Ent-
wicklung durch.“38 Der Aspekt der Bekehrung oder der „Entwicklung“ wurde
also vom Autor in diesem Text nachträglich und auf Wunsch des DDR-Verlages
stärker hervorgehoben.
Auguste Lazar wendet in ihrem Kinder- und Jugendroman Sally Bleistift in
Amerika (1935/47) die Strategie, Elternfiguren durch ihre Kinder belehren und
in ideologischer Hinsicht bekehren zu lassen, weitaus radikaler an. Der von ame-
rikanischen Ureinwohnern abstammende Jugendliche Redjacket, der von der
aus dem zaristischen Russland emigrierten Jüdin Sally Bleistift großgezogen
wurde, unterhält sich in einer Passage mit seinem Freund, dem Arbeitersohn
Billy Smith, dessen Eltern mit ernsten ökonomischen Problemen zu kämpfen
38 Lieselotte Fleck an den Kinderbuchverlag, Bl. 2. Konversion/Bekehrung 523
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918