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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Renegaten in der österreichischen Literatur? Der Begriff Renegat bezeichnet im KP-Jargon Personen, die mit dem Kommu- nismus zunächst sympathisierten oder sogar KP-Mitglieder waren und später zu Gegnern dieser Partei wurden, wobei sich ein breites Spektrum bezüglich der Intensität dieser Gegnerschaft ergibt. Die Differenzierung zwischen unterschied- lichen Motiven, unterschiedlichen Konsequenzen und Graden von Renegaten- tum prägte den Diskurs um Verrat, Fronten- und Bekenntniswechsel. Erik von Kuehnelt-Leddihn unterscheidet in Bezug auf die Renegaten der 1970er-Jahre in Analogie zu den kirchlichen Begriffen Ketzer/Häretiker und Apostat im 16.  Jahrhundert zwischen „‚Bekehrten‘ und bloßen ‚Abweichlern‘“.47 Er urteilt: „Ein Solschenizyn ist ein wahrer Abtrünniger, ein Roy Medwedjew48 nur ein kritischer Ketzer. Wer immer noch von einem ‚Sozialismus mit menschlichem Gesicht‘ träumt [...], hat nicht wirklich mit den falschen Göttern gebrochen.“49 Renegatenliteratur tritt zumeist in Form von autobiographischen Texten, Memoirenliteratur oder in traditionellen literarischen Formen wie dem Bil- dungsroman oder der Dystopie auf.50 Zu den bekanntesten autobiographischen Renegatenerzählungen zählen Margarete Buber-Neumanns Als Gefangene bei Stalin und Hitler (1946), Victor Kravchenkos I Choose Freedom (1946), die Samm- lung The God that failed (1950) von Arthur Koestler, André Gide, Ignazio Silo- ne und anderen, Wolfgang Leonhards Die Revolution entläßt ihre Kinder (1956), aber auch fiktionale Texte wie Manès Sperbers Romantrilogie Wie eine Träne im Ozean (1940–1951) oder Arthur Koestlers Sonnenfinsternis/Darkness at noon (1940).51 Eine aus kommunistischer Perspektive – und folglich negativ – gezeichnete Renegatenfigur gestaltet Ernst Fischer mit Pablo Malabranca in Der große Ver- rat. Malabranca verkörpert Tito, der in „die häretische Reihe des jugoslawischen 47 Kuehnelt-Leddihn: Nur eine Frage des Datums?, S. 176. 48 Der sowjetische Intellektuelle Roy Medwedjew, der nach 1956 Parteifunktionär wurde, kriti- sierte 1969 Stalin, was dazu verwendet wurde, eine Intrige gegen ihn zu spinnen, worauf er aus der KP ausgeschlossen wurde. Seine schon in der Sowjetunion verfasste Geschichte des Stali- nismus: K sudu istorii (1971), amer.: Let history judge (1972), dt.: Die Wahrheit ist unsere Stär- ke. Geschichte und Folgen des Stalinismus (1973), erschien im Westen und wies ihn als antista- linistisch, aber nicht antikommunistisch aus. Vgl. Rohrwasser: Der Stalinismus und die Renegaten, S.  35  f. 49 Kuehnelt-Leddihn: Nur eine Frage des Datums?, S. 176. 50 Vgl. Rohrwasser: Der Stalinismus und die Renegaten, S. 8–10. 51 Eine Sammlung von Kurzbiographien bekannter Renegatinnen und Renegaten findet sich in: Rohrwasser: Der Stalinismus und die Renegaten, S.  349–361 und Peter Boris: Die sich lossag- ten. Stichworte zu Leben und Werk von 461 Exkommunisten und Dissidenten. Köln: Markus 1983. Wichtige Studien zum Phänomen des Renegatentums sind darüber hinaus: Roloff: Exkom- munisten. Kuhn: Bruch mit dem Kommunismus. Renegaten in der österreichischen Literatur? 529
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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