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Kommunismus“52 gestellt werden kann. Häresie meint in diesem Zusammen-
hang eine unorthodoxe, aber nicht dezidiert antikommunistische ideologische
Ausrichtung, was im orthodoxen Lager als besonders gefährlich galt, weil sie
hohes Identifikationspotential für Kommunisten und Kommunistinnen bot und
diesen die ideologische Emanzipation ermöglichte. Dies machte die große Bedeu-
tung des Trotzkismus, der prototypischen kommunistischen Häresie, für die
Renegaten aus.53 Tendenziell wird die bloße Häresie von Seiten der orthodoxen
Richtung darum zur vollständigen Abwendung erklärt.54 Über Tito heißt es in
einer Broschüre:
Um die breite antiimperialistische Volksbewegung zu unterdrücken, geht der
amerikanische Imperialismus mit Feuer und Schwert, Pression und Terror, vor.
Eine wichtige Rolle in seinen Plänen [...] spielen auch die Renegaten des Marxis-
mus-Leninismus, die Verräter der Sache des Proletariates, die modernen Revisio-
nisten, vor allem ihr avanciertester Posten – die revisionistische Belgrader Bande.
Es ist nicht das erste Mal, dass der amerikanische Imperialismus die ‚guten Diens-
te‘ der titoistischen Renegatenclique, welche unter der Maske eines ‚nicht paktge-
bundenen Landes‘ die antiimperialistische Weltfront der Völker untergräbt [...]55
Auch Fischers Drama exponiert das Renegatentum Malabrancas nicht als ideo-
logische Überzeugung vom kapitalistischen System oder als schwerwiegende
ideologische Krise eines Kommunisten, die ihn von seiner früheren politischen
Einstellung abrücken lässt, sondern als Resultat individualistischen Machtstre-
bens und mithin als persönliche Verirrung. Dieses Renegatenbild, das dem des
orthodoxen Sowjetkommunismus entspricht, bildet sozusagen den Widerpart
52 Roloff: Exkommunisten, S. 259.
53 Vgl. ebd., S. 261. Zur Bedeutung Trotzkis in der sowjetischen Verurteilungspraxis vgl. Schlö-
gel: Terror und Traum, S.
106
f. Der Schauprozess 1937, bei dem Lion Feuchtwanger anwesend
war, wurde auch „Trotzkistenprozess“ (Ebd., S.
123) genannt. In Tote auf Urlaub wird ironisch
formuliert, Mladen Raikow habe „eine Todsünde begangen [...], indem er es gewagt hatte, mit-
ten im Krieg die Meinungsfreiheit zu verteidigen und einen Trotzkisten in Schutz zu nehmen“
(TAU 277).
54 So erklärt einer der Beiträger in einer Anthologie von Renegatenerzählungen, Manfred Hert-
wig: „Wenn die Fronten sehr starr sind, – und das waren sie in der Periode des Kalten Krieges
– wenn es scheinbar nur ein Entweder-Oder gibt, dann bedeutet jedes Verlassen der eigenen
Position zugleich die Hinwendung oder den Übertritt zur Position des einstigen Gegners. [...]
Man sucht einen dritten Weg. Es gibt ihn als Möglichkeit, aber da beide Seiten ihn bekämpfen,
gerät man in eine Art Schraubstock der Politik und darin kann man umkommen.“ Manfred
Hertwig: [o.T.]. In: Horst Krüger (Hg.): Das Ende einer Utopie. Hingabe und Selbstbefreiung
früherer Kommunisten. Eine Dokumentation im zweigeteilten Deutschland. Olten, Freiburg
i. Br.: Walter 1963, S. 51–70, hier S. 62.
55 N.N.: Weitere verräterische Handlungen des Renegaten Tito, S. 5.
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530 13 Konversion, Bekehrung, Renegatentum. Narrative des Seitenwechsels.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918