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(TAU 105) entscheidet, die durch eine kaltherzige Denunziation erkauft werden
muss. Für ihn gilt wohl, wie Sperber formuliert: „Recht haben ist wichtig, aber
nicht allein sein ist viel wichtiger.“63
Anders verhält es sich in einer Vorstudie zu diesem Text, die im selben Band
abgedruckt ist und den Titel Die Seife trägt. Auch hier tätigt der Protagonist, Jan
Pospischil, ein Bürger der tschechoslowakischen Volksdemokratie, eine kritische
Äußerung gegenüber dem herrschenden System und wird von diesem Zeitpunkt
an wie ein Aussätziger behandelt. Diese Äußerung geschieht in einer Werksdu-
sche, als Pospischil auf der Seife ausrutscht, einen Wutausbruch bekommt und
auf die in der Volksdemokratie erhältlichen Produkte zu schimpfen beginnt. In
der dargestellten Gesellschaft ist diese ausnahmsweise und im Affekt geäußerte
kritische Meinung – dieser ‚Ausrutscher‘ – der Auslöser des Boykotts, des Schwei-
gens und des Zustands, in dem der Betreffende für seine Umwelt ‚gestorben‘ ist.
Anknüpfend an das Motiv der Seife wird die Semantik von Inklusion und Exklu-
sion durch die Symbolik von Reinheit und Unreinheit verdeutlicht. Interessant
ist dabei, dass die ‚Schmutzigkeit‘ des Ausgestoßenen von diesem schließlich
aktiv angenommen wird, da sie seine Opposition zur Gemeinschaft kenntlich
macht. Anders als der Ich-Erzähler in Salto mortale unterzieht Pospischil sich
keinem Akt der gesellschaftlichen Reinwaschung (bei der der Ich-Erzähler einen
anderen anschwärzen muss), sondern entwickelt eine unerklärliche „allergische
Krankheit“64 gegen Seife. Im allegorischen Bedeutungsnetz dieses Textes steht
diese Seifenphobie für eine deviante Haltung gegenüber der kommunistischen
Gesellschaft und ihren Regeln. Pospischil wird – wie Budek aus Salto mortale –
zu einem Verwahrlosten, dem sich niemand mehr nähert. Der Status als Außen-
seiter der Gesellschaft stellt ihn in die Reihe der Renegatenfiguren, die in meh-
reren von Dors Texten auftauchen. Diese bestehen auf dem Recht persönlicher
Meinungsfreiheit oder sind unfähig, ihre persönliche Meinung dauerhaft zurück-
zuhalten. Der Bruch mit der kommunistischen Gesellschaft erfolgt durch diese
Unvereinbarkeit von persönlichem Freiheitsbedürfnis und kollektiver Norm.
Anders als in klassischen Renegatennarrativen entfällt in Tote auf Urlaub die
Phase des inneren Kampfes mit der Unzufriedenheit, während diese in Salto
mortale ins Unbewusste verlagert scheint. Das Renegatentum des Ich-Erzählers
dieser Novelle kann so in Frage gestellt werden, wenn man Renegatentum als
bewusste Abkehr definiert.
63 Sperber: Wie eine Träne im Ozean, S. 641.
64 Milo Dor: Die Seife. In: Ders.: Salto mortale. Erzählungen. Zürich: Arche 1960, S. 45–52, hier
S. 52.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
534 13 Konversion, Bekehrung, Renegatentum. Narrative des Seitenwechsels.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918