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Renegatentum bei Reinhard Federmann?
Der zweite österreichische Autor, der die Erfahrung der Enttäuschung und des
Bruchs mit dem Kommunismus schildert und in diesem Sinn eine Renegatenfigur
entwirft, ist Reinhard Federmann, wobei als Unterschied zu Dor festzuhalten ist,
dass Federmann selbst keine kommunistische Vergangenheit hat. Bruno Schindler,
der Protagonist des Romans Das Himmelreich der Lügner, setzt große Hoffnungen
auf eine sozialistische Gesellschaftsordnung, wird durch den realen Sozialismus in
der Sowjetunion während seines Exils im Zweiten Weltkrieg aber vollkommen
desillusioniert. Er verliert so den Glauben an sein früheres Ideal, während er aber
auch kein Vertrauen in eine andere politische Ideologie finden kann. Wie Dors
Protagonisten, die ebenfalls keinen Ersatz für die Erfahrung der politischen Gemein-
schaft finden, bleibt er ein Vertreter der ‚heimatlosen Linken‘.65 Nach 1945 wendet
der enttäuschte Schindler sich nicht aktiv gegen den Kommunismus, sondern bleibt
zunächst Soldat der Roten Armee. Erst im Herbst 1949 flüchtet er nach West-
deutschland, engagiert sich aber weiterhin nicht gegen den Sowjetkommunismus.
Ein Beispiel für ein traditionelles Erzählformat wie der „Wandlungsbericht des
Renegaten“66 liegt mit diesem Text nicht vor, da die Erzählung weder auf eine Ein-
zelperson und ihre Erfahrung fokussiert ist, noch in den Kampf gegen den Kom-
munismus mündet. Die Lebenserinnerungen Schindlers werden im Roman durch
zahlreiche andere erzählte Lebensläufe erweitert, die das Panorama der zeithisto-
rischen politischen Landschaft mitsamt ihren Veränderungen aufspannen. Ein
Authentizitätsanspruch dieser Erzählungen wird nicht über eine enge Anlehnung
an faktuale Textsorten gesucht, sondern durch eine selbstreflexive Erzählerfigur,
die lediglich wahrscheinliche Handlungsverläufe anbietet. So reflektiert der Erzäh-
ler über die Schwierigkeit, das Schicksal anderer darzustellen und die Notwendig-
keit der Selektivität von Erzählung: „Wie sollte ich aber der Welt mitteilen, wie es
im Gefängnis zuging, da ich nicht dort gewesen war? Und wenn ich über Heinz
schrieb, sollte ich dann auch Olga erwähnen?“ (HL 261)
Der Text leistet nicht nur formal eine pointierte Alternative zur traditionel-
len Wandlungsgeschichte, sondern übt mit der Darstellung der Situation des
‚heimatlosen Linken‘ grundsätzliche Ideologiekritik, die sich sowohl gegen die
ideologische Richtung des Kommunismus als auch gegen jene des Antikommu-
nismus richtet. Damit wird die überzeugte Positionierung im Kalten Krieg pro-
blematisiert, die von beiden Seiten immer wieder gefordert wurde, etwa von
Ernst Fischer oder Friedrich Torberg, Johannes R. Becher oder Arthur Koest-
ler.67
Auch die Rezeption von Federmanns Roman in der DDR zeugt von diesem
65 Vgl. Hans Weigel: Mitteleuropas heimatlose Linke. In: Der Monat 4 (1952) H. 43, S. 87–91.
66 Vgl. Rohrwasser: Der Stalinismus und die Renegaten, S. 9.
67 Zu Becher und Koestler vgl. Rohrwasser: Der Stalinismus und die Renegaten, S. 31.
Renegaten in der österreichischen Literatur? 535
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918