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Bekenntniszwang. Interessant ist die dabei verwendete Argumentationslogik,
wenn eine „einseitig[e Verteilung von] Licht und Schatten“, „propagandistische
Absicht“ und der Gestus „parteilicher Selbstbestätigung“68 kritisiert werden.
Eine Rezension aus dem Ostbrief widerspricht explizit der Stelle im Roman,
an der Schindler äußert: „Ich bin nicht Richter über diese Zeit, ich bin ihr Opfer;
eins freilich, das die Schläge der Vollzugsbeamten nur gestreift haben. Ich habe
nicht Ursache zu jammern, und doch wollen mir die Jubelrufe nicht über die
Lippen.“ (HL 319) Die Rezension behauptet dagegen, Federmann würde in sei-
nem Roman „als Opfer und Richter in einer Person auf[...]treten.“ Darin zeigt
sich ein Kampf um die Deutung der Realität, der im Kalten Krieg von enormer
Bedeutung war. Dessen Logik gemäß ist jeder Roman, der sich der hegemonia-
len Deutung in der sowjetkommunistischen Kultur widersetzt, tendenziös, unre-
alistisch und von subjektiven Anschauungen geprägt. Zugleich wird Federmanns
Roman als „Reportage“ bezeichnet, was als literaturtheoretischen Hintergrund
den sozialistischen Realismus erkennen lässt.69
Auf der westlichen Seite finden sich Stimmen, die in der weltanschaulichen
Heimatlosigkeit und dem Verzicht des Textes auf jeglichen Wahrheitsanspruch
kein Problem sehen. Herbert Eisenreich bestätigt Schindlers Selbsturteil, er
„spiel[e] sich nicht auf ‚als Richter über diese Zeit‘“70 und sieht eine Entspre-
chung in der Strategie des Textes: „Er offeriert uns kein neues Heil: etwa den
Westen schlechthin; er begnügt sich damit, die Illusionen abzubauen.“71 Ähn-
lich konstatiert Kristiane Schäffer einen „aller Utopie des künstlerischen Machtan-
spruchs beraubte[n] Stil“.72 Am avanciertesten ist in dieser Sparte wohl Gerhard
Fritschs Rezension, in der es ausdrücklich heißt: „Dieses Handlungsgerippe war
in vielen Varianten schon Thema von Romanen: Enttäuschung, Verzweiflung
und Bekehrung des politisch Linksstehenden. Federmanns Held braucht sich
jedoch nicht zu bekehren, er ist keine Klischeefigur.“73 Fritsch argumentiert
hier, dass das Narrativ des West-Konvertiten bereits klischeehaft wirke und
Federmann mit der Renegatenfigur Schindler, die jedoch im Niemandsland zwi-
68 N.N.: Reinhard Federmann: Das Himmelreich der Lügner. In: Ostbrief. Monatsschrift der
ostdeutschen Akademie Lüneburg 6 (1960) H. 12, Dezember. [LIT, Nachlass Reinhard
Federmann, Sign. 386/S263/7].
69 Vgl. Georg Lukács: Reportage oder Gestaltung? In: Die Linkskurve 4 (1932) H. 7, S. 23–30,
H. 8, S. 26–31.
70 Herbert Eisenreich: Exkurs ‚Über die Pflicht im nachhinein klüger zu sein‘. Teil der Rundfunk-
sendung „Für Sie gelesen – aus neuen Büchern“. gesendet im Bayrischen Rundfunk, 27.1.1966,
22.10–22.40h, 1. Programm, LIT, Nachlass Reinhard Federmann, Sign. 386/S263/7, Bl. 3.
71 Eisenreich: Exkurs ‚Über die Pflicht im nachhinein klüger zu sein‘, Bl. 3.
72 Kristiane Schäffer: Nichts ist geschehen. In: Deutsche Rundschau (Stuttgart) H. 12, S.
1131
f.,
hier S. 1131. [LIT, Nachlass Reinhard Federmann, Sign. 386/S263/7].
73 Gerhard Fritsch: Reinhard Federmann: Das Himmelreich der Lügner. In: Bücherei und Bil-
dung 12 (1960) H. 6, S. 347 f.
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536 13 Konversion, Bekehrung, Renegatentum. Narrative des Seitenwechsels.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918