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[E]s zeigte sich, dass die Österreicher, von denen vor kurzem noch viele begeis-
terte Ostmärker und Nazis oder zumindest Mitläufer gewesen waren, die NS-Zeit
so gut wie vergessen hatten und sich wie früher wieder in die mehr oder weniger
gleich großen Gruppen von Christlichen und Sozialdemokraten eingefügt hat-
ten.84
Hinterberger unterstellt damit, dass ideologische Bekenntnisse oft nur von der
jeweiligen politischen Lage abhängen, wodurch ein Kontrapunkt zu den Narra-
tiven der Konversion und Bekehrung, aber auch des Renegatentums gesetzt wird,
die mit dem Moment der persönlichen Überzeugung oder Erkenntnis operieren.
Während die Bekehrung zu oder Abkehr vom Kommunismus in diesen Narra-
tiven mit dauerhaften Dispositionen von Personen verbunden werden, wechselt
die Romanfigur Hinterbergers scheinbar mühelos immer wieder ihre politische
Ausrichtung, ohne feste Überzeugungen anzunehmen oder zurückzuweisen.
Letztlich macht sich diese opportunistische Strategie für die Figur aber nicht
bezahlt, da ihr – nach der Rekapitulation der eigenen Lebensgeschichte – die
Haltlosigkeit und Schuldverstrickung des eigenen Lebens bewusst wird. Weho-
fer gerät am Ende des Romans auf die Gleise der Stadtbahn, wobei es sich höchst-
wahrscheinlich um Selbstmord handelt. Kurz davor klagt er gedanklich über die
Unmöglichkeit eines rechtschaffenen Lebens: „Dauernd mußte man für irgend-
was oder irgendwen Partei nehmen und sich dadurch ins Unrecht setzen. Was
heute gut war, konnte morgen schon schlecht sein –“ (BW 216) Er erträgt es
nicht mehr, dass es „keinerlei objektive Maßstäbe“ (BW 213) und damit keine
‚richtige‘ ideologische Richtung gibt.
Die Substanzlosigkeit mancher politischer Bekenntnisse zeigt auch Johannes
Mario Simmels Spionageroman Lieb Vaterland magst ruhig sein, in dem fast alle
Figuren persönlichen Zwangslangen ausgesetzt sind. Diese bedingen erst, dass
sich Figuren als Spitzel, Saboteure, Entführer und Agenten für eine Seite des
Kalten Krieges in Berlin engagieren. Eine persönliche ideologische Überzeugung
weist kaum eine der Figuren auf, sodass Seitenwechsel nicht den Charakter von
Konversionen und Renegatennarrativen annehmen. Der Diskurs über „Verräter“
(LV 56), „Spitzel“ (LV 57), mutwillige „Agenten und Saboteure“ (LV 10), die das
„Volk aufhetzen, Kartoffelkäfer einschleppen und in den Betrieben spionieren“
(ebd.) wird hier unterlaufen, indem der Geheimdienstarbeit für oder gegen eine
der beiden Seiten im Kalten Krieg kaum jemals ideologische Gründe unterstellt
werden. Und wenn sie existieren, werden sie für unlautere machtpolitische Inte-
ressen ausgenutzt. So arbeitet der Kriminalrat Berthold Prangel nicht deshalb
für den SSD, weil er für den Kommunismus wäre, sondern weil er seinen als
NS-Verbrecher festgenommenen Schwager freikaufen will, um seine Frau vor
84 Hinterberger: Ein Abschied, S. 37.
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542 13 Konversion, Bekehrung, Renegatentum. Narrative des Seitenwechsels.
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918