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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Seite - 542 -
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[E]s zeigte sich, dass die Österreicher, von denen vor kurzem noch viele begeis- terte Ostmärker und Nazis oder zumindest Mitläufer gewesen waren, die NS-Zeit so gut wie vergessen hatten und sich wie früher wieder in die mehr oder weniger gleich großen Gruppen von Christlichen und Sozialdemokraten eingefügt hat- ten.84 Hinterberger unterstellt damit, dass ideologische Bekenntnisse oft nur von der jeweiligen politischen Lage abhängen, wodurch ein Kontrapunkt zu den Narra- tiven der Konversion und Bekehrung, aber auch des Renegatentums gesetzt wird, die mit dem Moment der persönlichen Überzeugung oder Erkenntnis operieren. Während die Bekehrung zu oder Abkehr vom Kommunismus in diesen Narra- tiven mit dauerhaften Dispositionen von Personen verbunden werden, wechselt die Romanfigur Hinterbergers scheinbar mühelos immer wieder ihre politische Ausrichtung, ohne feste Überzeugungen anzunehmen oder zurückzuweisen. Letztlich macht sich diese opportunistische Strategie für die Figur aber nicht bezahlt, da ihr – nach der Rekapitulation der eigenen Lebensgeschichte – die Haltlosigkeit und Schuldverstrickung des eigenen Lebens bewusst wird. Weho- fer gerät am Ende des Romans auf die Gleise der Stadtbahn, wobei es sich höchst- wahrscheinlich um Selbstmord handelt. Kurz davor klagt er gedanklich über die Unmöglichkeit eines rechtschaffenen Lebens: „Dauernd mußte man für irgend- was oder irgendwen Partei nehmen und sich dadurch ins Unrecht setzen. Was heute gut war, konnte morgen schon schlecht sein –“ (BW 216) Er erträgt es nicht mehr, dass es „keinerlei objektive Maßstäbe“ (BW 213) und damit keine ‚richtige‘ ideologische Richtung gibt. Die Substanzlosigkeit mancher politischer Bekenntnisse zeigt auch Johannes Mario Simmels Spionageroman Lieb Vaterland magst ruhig sein, in dem fast alle Figuren persönlichen Zwangslangen ausgesetzt sind. Diese bedingen erst, dass sich Figuren als Spitzel, Saboteure, Entführer und Agenten für eine Seite des Kalten Krieges in Berlin engagieren. Eine persönliche ideologische Überzeugung weist kaum eine der Figuren auf, sodass Seitenwechsel nicht den Charakter von Konversionen und Renegatennarrativen annehmen. Der Diskurs über „Verräter“ (LV 56), „Spitzel“ (LV 57), mutwillige „Agenten und Saboteure“ (LV 10), die das „Volk aufhetzen, Kartoffelkäfer einschleppen und in den Betrieben spionieren“ (ebd.) wird hier unterlaufen, indem der Geheimdienstarbeit für oder gegen eine der beiden Seiten im Kalten Krieg kaum jemals ideologische Gründe unterstellt werden. Und wenn sie existieren, werden sie für unlautere machtpolitische Inte- ressen ausgenutzt. So arbeitet der Kriminalrat Berthold Prangel nicht deshalb für den SSD, weil er für den Kommunismus wäre, sondern weil er seinen als NS-Verbrecher festgenommenen Schwager freikaufen will, um seine Frau vor 84 Hinterberger: Ein Abschied, S. 37. Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 542 13 Konversion, Bekehrung, Renegatentum. Narrative des Seitenwechsels.
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
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