Seite - 547 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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auf Schritt und Tritt“ (ebd.). Die bedrohliche Gegenwart des Kalten Kriegs wird
von den beiden Vertretern aus einer Region der ehemaligen Donaumonarchie
mit einer Utopie überblendet, die – bezeichnend für die politischen Phantasien
der Nachkriegszeit – Habsburgernostalgie und Wohlfahrtsstaat miteinander ver-
schmilzt.
In besonderer Weise reagiert der nach einem Drehbuch des sozialdemokra-
tischen Schriftstellers Rudolf Brunngraber und des der ÖVP nahestehenden
Ernst Marboe gedrehte satirische „Staatsfilm“ 1. April 2000 (UA: 1952) auf die
in Österreich herrschende Stimmungslage während der Besatzungszeit.5 Der
mit Stars von Curd Jürgens und Paul Hörbiger über Hans Moser und Josef Mein-
rad bis zu Hilde Krahl und Waltraud Haas besetzte Film blendet historische
Zusammenhänge aus und bündelt die für das österreichische Selbstverständnis
der Nachkriegszeit relevanten Diskursfäden, die in überzeitlichen Werten wie
Landschaft und Natur6 und eben der Anrufung der „guten alten Zeit“ unter
den Habsburgern bestanden. In Anbetracht einer nunmehr 55 Jahre dauernden
Besatzung durch die „Globalunion der Völkergemeinschaft“, die stellvertretend
für die vier Besatzungsmächte steht, wünscht sich in diesem Propagandafilm,
der sowohl nach innen als auch nach außen gerichtet war, das österreichische
Volk seine Eigenstaatlichkeit und Souveränität zurück. Der neue Ministerprä-
sident, gespielt von Josef Meinrad, erklärt das Land am 1. April 2000 einfach
eigenmächtig für frei und unabhängig, woraufhin sich Österreich, dem bereits
zweifacher Bruch des Weltfriedens vorgeworfen wird (1914 und 1939), wegen
Aggression gegen die Besatzer vor einem Tribunal der „Globalunion“ verant-
worten muss. Dem Land droht die Umwandlung in ein Museum, sollte es seine
Unschuld nicht beweisen können. Im Zuge dieser Beweisführung wartet das
kleine Österreich mit einem „Best of“ seiner Historie auf, beginnend bei der
Legende von der Entstehung der österreichischen Fahne in der Schlacht um
Akkon 1191 über Prinz Eugen, Maria Theresia und Mozart bis zu den Bergen,
dem Wiener Walzer und dem Wein. Die der SPÖ nahestehende Zeitschrift Die
Schau berichtete von den Aufführungen des Films in Zürich, Bern und Paris
sowie einer internationalen Vorstellung im Rahmen des Filmfestivals in Cannes
5 Regisseur war intrikaterweise der Deutsche Wolfgang Liebeneiner, der während des National-
sozialismus Karriere gemacht hatte und u.a. den Pro-Euthanasie-Film Ich klage an (1941) insze-
nierte, sich danach aber wieder rasch im Filmgeschäft etablierte und u.a. Wolfgang Borcherts
pazifistisches Drama Draußen vor der Tür unter dem Titel Liebe 47 verfilmte.
6 Vgl. dazu Wendelin Schmidt-Dengler: Das neue Land. Die Konzeption einer neuen österrei-
chischen Identität in der Literatur. In: Wolfgang Kos (Hg.): Inventur 45/55: Österreich im ers-
ten Jahrzehnt der Zweiten Republik. Wien: Sonderzahl 1996, S. 404–440, hier S. 415: „Am
ehesten ist Natur in der Lage, Österreichs Identität zu garantieren: Sie ist das Restaurierende,
das nicht restauriert zu werden braucht. […] sie ist das Eigene, das uns gehört, das Künstliche
ist das Andere, das Fremde.“ Österreich: Zwischen „‚nicht mehr‘ und ‚noch nicht‘“ 547
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918