Seite - 553 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Bild der Seite - 553 -
Text der Seite - 553 -
parzer evozierte Österreich-Bild rekurrierte Ernst Fischer in seiner Funktion als
Unterrichtsminister, zu dem er kurz nach seiner Rückkehr nach Österreich in
der provisorischen Regierung Renners ernannt wurde. Dieses „Loblied“ fand
sich auch in Schulbüchern der Mittel- und Hauptschulen, die der Jugend das
richtige Österreich-Bild vermitteln sollte. Fischer wollte den Beweis erbringen,
dass Österreichs Historie und seine Kulturgeschichte immer „voll der prägenden
Kraft von Aufklärung, Fortschritt und Rebellion gewesen wären“.23 Seine Absicht
war es, die Autonomie und Lebensfähigkeit des Landes zu betonen, um es gegen
den preußisch-faschistischen Deutschnationalismus abzugrenzen.
Bereits im Exil waren die Kommunistinnen und Kommunisten, anders als
etwa die Sozialdemokratinnen und -demokraten, durch ein ausgeprägtes Öster-
reich-Bewusstsein aufgefallen. Die österreichischen Intellektuellen im sowjeti-
schen Exil hatten sich während des Zweiten Weltkriegs die Aufgabe gestellt, die
Entwicklung des österreichischen Nationalbewusstseins zu kultivieren, wobei
insbesondere der Historie und der Literatur Bedeutung zukam. Nach Kriegsen-
de wurde das engagiert fortgesetzt. Die für die kommunistische Parteipresse
tätige Journalistin Eva Priester schrieb eine zweibändige Geschichte Österreichs
und das Tagebuch unterstützte alle Bestrebungen, die sich um den „Aufbau
eines eigenständigen österreichischen Selbstbewußtseins bemühten“.24 Die Aus-
arbeitung eines nationalen österreichischen Kanons und dessen Etablierung
sollte jedoch mit den zunehmenden Polarisierungen des Kalten Krieges und der
expliziten Westorientierung der österreichischen Gesellschaft scheitern. Die
Kommunisten waren ab 1947 isoliert und nahmen den aussichtslosen Kampf
gegen die kulturelle „Verwestlichung“ Österreichs auf, die aus ihrer Sicht zur
„Aushöhlung des österreichischen Nationalbewusstseins“25 führte. Für Fischer
war in seiner Schrift Der österreichische Volkscharakter (1945) Grillparzer ein
Kronzeuge der einzigartigen Identität Österreichs.26 Grillparzer, dem Fischer
23 Pfoser: ‚Stalins Brückenköpfe‘, S. 230.
24 Griesmayer: Die Zeitschrift ‚Tagebuch‘, S. 88.
25 Kroll: Kommunistische Intellektuelle in Westeuropa, S. 279, S. 319. Ernst Fischer rief auf dem
XVI.
Parteitag der KPÖ zu einer umfassenden Verteidigung der nationalen Kultur in Österreich
auf: „Masseneinfuhr barbarischer Filme, Bücher, Zeitschriften und einer fast ebenso barbari-
schen Unterhaltungsmusik. Die amerikanische Filmindustrie überschwemmt unser Land mit
Erzeugnissen, von denen man den Eindruck hat, sie seien nicht von Menschen, für Menschen
gemacht, sondern von alten Hyänen für junge Schakale. Abend für Abend ist die Jugend unseres
Volkes dem Leichengift aus Hollywood preisgegeben. […] Die Regierung wagt nicht, die Gren-
zen unseres Landes für solches Gift zu sperren, denn das Gift kommt aus Amerika im Namen
der abendländischen Zivilisation. […] Die Herzen hart und das Gehirn weich zu machen, das
ist das Ziel der um sich greifenden Amerikanisierung.“ Vgl. Tagebuch 9 (1954) H. 11, S. 1–2.
26 Fischer: Die Entstehung des österreichischen Volkscharakters, S. 21: „[…] mit der Entstehung
der Doppelmonarchie 1867 fragte sich der greise Grillparzer: ‚Bin ich noch ein Deutscher?‘
und er antwortete: ‚Ich bin kein Deutscher, sondern ein Oesterreicher.‘“
Österreich: Zwischen „‚nicht mehr‘ und ‚noch nicht‘“ 553
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918