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Nach 1918
Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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1946 eine Broschüre widmete, war für ihn die „dichterische Verkörperung“ des Landes, das er „leidenschaftlich geliebt“ und dessen Existenz er „für eine unab- weisbare Notwendigkeit“27 hielt. Eine Sequenz in Die Getäuschten zeigt in besonders eklatanter Weise das Ver- hältnis Österreichs zu Deutschland nach 1945. Büheler beobachtet, wie im Kriegs- gefangenenlager einem Hauptmann der Wehrmacht der Prozess durch einen SS-Obersturmführer gemacht wird, weil er Brot von seinen Mitgefangenen gestoh- len hat. Dieser verkündet, dass dem Hauptmann in einem SS-Lager das Todes- urteil gedroht hätte. Hier erwarten ihn fünfzig Hiebe und die Ausstoßung aus der Gemeinschaft (vgl. G 160). In Bühelers Reaktion auf dieses „Standrecht“ wird ein weiteres Element der österreichischen Identität sichtbar. Er kann die Tat des Hauptmanns angesichts der im Lager herrschenden Hungersnot nach- vollziehen, hätte aber der Versuchung des Stehlens nicht nachgegeben, um „[n] ur nicht vor diesen Arschgesichtern stehen müssen, als Angeklagter, von ihnen verdroschen werden, wie sie früher auf die Juden losgedroschen hatten“. (G 166) Diese auf sich selbst gerichtete Viktimisierung, die Büheler in seiner neugefun- denen Rolle als Österreicher vornimmt und dabei in einem Bild fasst, wie es schiefer nicht mehr sein könnte, parallelisiert das eigene Schicksal mit dem der Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus. Die ehemaligen „Volksgenossen“ sind plötzlich „Arschgesichter“. Dieser Tendenz folgt der gesamte Text. Zwar wird die Vernichtung der europäischen Juden an einer Stelle des Romans vor- sichtig thematisiert (vgl. G 62), aber die Mitschuld Österreichs kategorisch aus- geklammert. Nach 1945 muss Österreich beträchtliche Reparationszahlungen an die sow- jetische Besatzungsmacht leisten. Stalins oberste Priorität war die ökonomische Ausbeutung der sowjetischen Zone. Die umfassenden Plünderungen und Beschlagnahmungen bedrohten allerdings die ökonomische Überlebensfähig- keit Österreichs. Die sowjetische Militärregierung begann österreichische Indus- trieanlagen in ihrer Besatzungszone zu demontieren, deren Wert auf 1  Milliarde Schilling geschätzt wird.28 War während der Potsdamer Konferenz im Juli und August 1945, auf der die Alliierten über ihr weiteres Vorgehen im Nachkriegs- europa berieten, noch festgelegt worden, dass Österreich keine Reparation an die Siegermächte erbringen müsse, sondern nur das sogenannte „Deutsche Eigen- tum“ in der jeweiligen Zone den Besatzungsmächten zufalle, flossen zwischen 1945 und 1955 dennoch zirka 2 bis 2,5  Milliarden Dollar an verdeckten Repa- 27 Ernst Fischer: Franz Grillparzer. Ein großer österreichischer Dichter. Wien: Globus 1946, S.  10  f. Vgl. dazu auch Fischers bedeutenden Essay-Band: Von Grillparzer zu Kafka. Wien: Globus 1962. 28 Günther Bischof: Austria in the first Cold War, 1945–55. The Leverage of the Weak. London [u.a.]: MacMillan Press Ltd. 1999, S.  37. Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR 554 14 Österreich-Bilder aus dem Kalten Krieg
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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