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rationen an die Sowjetunion. Dass von insgesamt 70 verstaatlichten Betrieben
29 in die Hände der Sowjetunion gefallen waren, darunter etwa mit den Ölfel-
dern im Marchfeld das zweitgrößte Erdölvorkommen in Europa, wurde in Öster-
reich als ökonomische Katastrophe empfunden.29 Aus den 300 Betrieben in
Ostösterreich baute die sowjetische Besatzungsmacht das Wirtschaftsimperium
USIA (Verwaltung für Sowjeteigentum im östlichen Österreich) auf, das außer-
halb der österreichischen Judikative agierte. Die USIA war bei der österreichi-
schen Bevölkerung sehr unbeliebt, was auch anhand von Artikeln aus der Arbei-
ter-Zeitung deutlich wird und die USIA-Läden wurden durch Boykott
isoliert.30
In der Literatur werden die Reparationszahlungen und die wirtschaftlichen
Aktivitäten der Sowjetunion in Österreich immer wieder mit organisiertem Ver-
brechen, aber auch mit der Aufrüstung in Zusammenhang gebracht. In Milo
Dor und Reinhard Federmanns Internationale Zone bringt der Schmuggler Geor-
ges Maine die Geschäfte der Besatzungsmächte kategorisch mit dem Kalten Krieg
in Verbindung: „Devisen machen sie hier, für ihre Panzer und für ihre Kano-
nen.“ (IZ 92) Selbst der Kauf von Alltagsartikeln stehe in Zusammenhang mit
der Aufrüstung der Sowjetunion: „Wenn du dir eine Krawatte kaufst oder eine
Zahnbürste […] haben sie schon wieder eine Patrone.“ (IZ 93)
Auch der Fall, in dem die österreichische Polizei und der Journalist Alex Lutin
in Und einer folgt dem anderen, einem anderen Thriller derselben Autoren,
recherchieren, steht in Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Interessen der
sowjetischen Besatzer (vgl. EFA 61). Lutin, der über den Mord an einer Wiener
Geschäftsfrau einen Sensationsartikel verfasst, erwähnt auch die Beziehung des
Opfers zu einem russischen Oberst, was ihn in der Folge in ein Netz aus Lügen
und Intrigen rund um geheime Pläne für eine Zielvorrichtung für das deutsche
Modell der Atomrakete verwickelt. Wie Lutin entdeckt, fanden die Geschäfte
zwischen der Frau und den Russen noch auf einer anderen Ebene statt, weshalb
die Aufdeckung des Falles für die Russen kompromittierend ist und sie deswe-
gen versuchen, von ihrer Involvierung abzulenken: „Dann haben sie ihr ein Bein
29 Vgl. Hanisch: Der lange Schatten des Staates, S. 412.
30 N.N.: Der USIA-Ausverkauf. Millionenwerte werden verschachert. Die Kommunisten als Hel-
fershelfer. In: Arbeiter-Zeitung, 25.8.1949, S.
1. „Die Kosten für diesen verantwortungslosen
Geschäftsbetrieb soll Österreich zahlen, wenn es den ausgeplünderten Betrieb, den es um gute
Dollars der Usia abkaufen muß, übernimmt!“; Was die USIAten verschweigen. Wurde mehr
investiert oder weggeführt? In: Arbeiter-Zeitung, 13.9.1949, S.
1; K.
A.: Die Besatzungssteu-
er. In: Arbeiter-Zeitung, 25.2.1949, S.
1–2. Die österreichische Bevölkerung muss die Besat-
zungssteuer tragen, was eine neue Last auf ihren Schultern wäre, hätte jedoch keine andere
Möglichkeit, denn die Österreicher „wissen nur zu gut, daß sie sie zu tragen haben, weil die
Großmächte uneins sind und weil unser Land nichts anderes als eine Figur im Schachspiel der
Großen ist.“ Österreich: Zwischen „‚nicht mehr‘ und ‚noch nicht‘“ 555
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918