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kämpfer und Opfer des Faschismus. Büheler sieht in der Propaganda der Sow-
jetunion eine Täuschung, die ihn davon abhält, seine wahre Bestimmung in der
neuen Ordnung zu finden, die mit dem Zusammenbruch des Dritten Reichs
einherging. Seine neue österreichische Identität muss er sich erst erwerben, was
durch eine Hinwendung zum Christentum geschieht: Er begibt sich „auf Gott-
suche und findet heim“.39 Gamillschegs Text kehrt die antikommunistischen
Ressentiments unverblümt hervor. Ein Heimkehrer meint angesichts der Spruch-
bänder auf den Eisenbahnwaggons, die die Kriegsgefangenen nach Österreich
zurückbringen sollen, auf denen die Aufschrift „Wir danken der Sowjetunion“
prangt: „Da hammer was zum Arschausputzen auf der Fahrt.“ (G 306)
Mit dem Abschluss des Staatsvertrags 1955 wurde die „Österreich-Ideologie“
weniger wichtig und auch der Kalte Krieg verlor für die österreichische Innen-
politik an Bedeutung. Das Forvm verkündet angesichts der bevorstehenden
Unterzeichnung des Staatsvertrages, dass Österreich „doch schon freier als irgend-
wann im Verlauf der letzten zehn Jahre“40 atmen könne und das Tagebuch ver-
kündete gar das „Ausscheiden Österreichs aus dem Kalten Krieg“.41 „Österreich
heute trägt in sich ein Erbe, das über seine Grenzen reicht“, verkündete Hans
Weigel in seinem Österreich-Buch von 1956, eines der vielen aus der Reihe, die
das Selbstgefühl des Landes unmittelbar nach dem Staatsvertrag stärken soll-
ten,42 und er betonte, dass das Land, „das sich gern als ‚Brücke‘ bezeichnet, […]
in Wahrheit viel mehr und wesentlich anderes, nämlich: Synthese der Welten,
Probefall der Integration, Versuchsstation der Übernationalität […]“ wäre und
resümiert, dass Österreich ein „staatsgewordene[s] Paradoxon“43 sei. Dass ein
„Kleinstaat“ wie Österreich trotz seiner wiedererlangten Souveränität „immer
von der internationalen Lage abhängig“ bleiben würde, betonte der erste öster-
reichische Verteidigungsminister Ferdinand Graf im Januar 1956. Auch wenn
„die äußeren Symbole der Großmächte verschwunden“ wären, dürfe man sich
nicht der Illusion hingeben, dass „damit auch die Auseinandersetzungen der
39 Karl Müller: Muß Odysseus wieder reisen? In: Aspetsberger, Frei, Lengauer (Hg.): Literatur
der Nachkriegszeit und der fünfziger Jahre in Österreich, S. 270–284, hier S. 284.
40 N.N: Zwischen Befreiung und Freiheit. In: Forvm 2 (1955) H. 17, S. 163.
41 Otto Langbein: Kalter Krieg bis 5 nach 12: In: Tagebuch 10 (1955) H. 11, 21.5.1955, S. 2.
42 Vgl. Griesmayer: Die Zeitschrift ‚Tagebuch‘, S. 75–111. Das vehemente Interesse zwischen 1954
und 1956, für Österreich eine eigene kulturelle Identität zu konstruieren und diese zu verlaut-
baren, zeigt sich z.B. an den staatlich geförderten Reihen wie „Neue Dichtung aus Österreich“,
der Österreich-Reihe des Bergland-Verlages, und der offiziösen Literaturzeitschrift Wort in
der Zeit sowie in Büchern wie „Österreich – Land im Aufstieg“ (1955), im Auftrag der SPÖ
herausgegeben, oder Rudolf Henz’ Österreich-Buch (1958), das Matejka für das Tagebuch
kritisch besprach, vgl. Viktor Matejka: Österreich ist ein Land im Aufstieg. In: Tagebuch 10
(1955) H. 17, 27.9.1955, S. 5.
43 Hans Weigel: O du mein Österreich, S. 204 f.
Österreich: Zwischen „‚nicht mehr‘ und ‚noch nicht‘“ 559
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918