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Ein zentrales Motiv im Roman ist das des Tausches. Die Figuren wollen nicht
nur ihr Leben eintauschen (wie etwa Berthold), sondern auch Objekte wechseln
den Besitzer. In der titelgebenden „Tauschzentrale“ gibt Berthold seinen Win-
termantel gegen eine Pistole ab, damit er in Ungarn an der Seite der Aufständi-
schen kämpfen kann. Bezeichnenderweise ist es eine deutsche Wehrmachtspis-
tole, die er erhält, die aber so alt ist, dass der Lehrer Huber, der in dem kleinen
Ort nahe der Grenze für die Versorgung der Flüchtlinge zuständig ist, nicht
sicher ist, ob man damit noch schießen kann. Dennoch rügt er Berthold, denn
ein solcher Waffenfund hätte auch politische Implikationen: „Ist dir klar, was
geschehen wäre, wenn man diese Waffe ein paar hundert Meter weiter drüben
gefunden hätte –? Was die für ein Triumphgeschrei erheben würden, daß eben
doch nicht nur Medikamente, Kleider und Lebensmittel über die Grenze rollen,
sondern auch Waffen –?“ (TZ 175)
Eva Priester, die in ihrer Darstellung und „Interpretation“ der Ereignisse in
Ungarn in der Broschüre Was war in Ungarn wirklich los? der Linie der KPdSU
und der KPÖ folgt, bezeichnet die Vorgänge als „Konterrevolution“ und den
Widerstand der Ungarn als „Weißen Terror“. Sie kritisiert nicht nur, dass Öster-
reich seine neuerworbene Neutralität verletzt habe, indem es etwa mit amerika-
nischen Waffen ausgerüstete ungarische Emigranten über seine Grenzen nach
Ungarn gelassen habe, was sich historisch nicht belegen lässt,56 sondern weist
explizit dem Westen die Schuld an den blutigen Vorgängen im Nachbarland zu:
Daß man sie [die Konterrevolution, Anm. d. Verf.] so gut organisieren konnte, war
nicht verwunderlich. Ungarn war das Land, in das am stärksten und am systema-
tischsten hineingearbeitet worden war. Jahrelang gingen aus den amerikanischen
Militärlagern in Salzburg und Westdeutschland Agenten, Instrukteure, Organisato-
ren hin und her. […] Jahrelang bearbeitete der Sender ‚Freies Europa‘ die ungarische
Bevölkerung. Mindestens zehn Monate lang vor dem 23. Oktober legten amerika-
nische Propagandaballons ein wahres Sperrfeuer von Flugblättern über das Land.
Alles war zum Losschlagen bereit, man wartete nur auf den günstigen Moment;57
Während Berthold versucht, in das von der sowjetischen Armee bedrohte Ungarn
zu gelangen, ist der Ungarnflüchtling Stefan Nagy in Rudolf Henz’ Roman Die
56 „Bei der Mehrheit der Vorwürfe ist anhand fehlender stichhaltiger Beweise ersichtlich, dass sie
unwahr oder das Ergebnis gezielter Manipulation sind, bzw. dass sie durch die Medien erheb-
lich dramatisiert wurden“; vgl. Renáta Szentesi: Anschuldigungen gegen Österreich von Seiten
der Sowjetunion und der KPÖ während der Ungarnkrise von 1956 anhand österreichischer
Quellen. In: Murber, Fónagy (Hg.): Die ungarische Revolution und Österreich 1956, S. 243–
282, hier S. 275.
57 Eva Priester: Was war in Ungarn wirklich los? Bericht einer Augenzeugin. Berlin: Dietz 1957,
S. 68.
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Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918