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Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
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Nachzügler ein „alter Mann auf der Flucht“, die ihn nach Österreich führt, „einer von Hunderttausenden, von Millionen dieser neuen Völkerwanderung“ (NZ 9). Der Historiker Bernd Stöver stellt hingegen resümierend fest, dass ca. 200.000 Ungarn das Land verlassen haben.58 Möglicherweise kursierten damals unsiche- re Flüchtlingszahlen oder diese wurden von Henz bewusst übertrieben, um einen politischen Effekt zu erzielen.59 Nachdem Nagy, der Ungarn wegen eines kriti- schen Manuskripts verlassen musste, das der ungarischen Geheimpolizei AVO in die Hände gefallen war, in Österreich eintrifft, findet er dort freundliche Auf- nahme bei einem pensionierten Gymnasialdirektor in einem noblen Landhaus im dreizehnten Wiener Gemeindebezirk. Ihm wird das Spannungsfeld bewusst, in welches er durch seine Situation als Flüchtling gedrängt wird, der im Osten nicht mehr und im Westen noch nicht angekommen ist. Er sieht sich als ein „unnützer Mann, fremd den Verfolgern, die ihn vertrieben haben, noch frem- der den barmherzigen Samaritern, die ihm Obdach gewähren“ (NZ 9). Nagy entwickelt eine kritische Sicht auf das ihn aufnehmende Land und des- sen Rolle. So reflektiert er seine soziale und ökonomische Lage in Österreich in einem Wartezimmer der kirchlichen Hilfsorganisation Caritas, wo er sich „zum erstenmal seit [s]einer Entlassung von der Universität deklassiert fühlt“ (NZ 44), da er mit den bürokratischen Abläufen hier nicht vertraut ist. Über das Verhält- nis der Österreicherinnen und Österreicher zu den Ereignissen in Ungarn, die sich auf „aktive Anteilnahme“ in Form des Gebets verließen, heißt es polemisch: „Die stellen für Russen und Ungarn Kerzen auf […] und warten bis Gott wieder einmal Feuer regnen läßt, natürlich nur auf die Kerzen.“ (NZ 86) Den karitati- ven Aktivitäten stellt der Roman verbreitete Ressentiments gegenüber den Flücht- lingen und eine weitgehende Unkenntnis der Geschichte des Nachbarlandes gegenüber. Ein Reporter, der während einer Wallfahrt einer Gruppe von Exil-Un- garn nach Mariazell diese interviewt, muss feststellen, dass nicht nur ein Gros der Ungarn von der „freien Welt“ enttäuscht ist (NZ 108  f.), sondern auch, dass das Verhältnis der Österreicherinnen und Österreicher zu ihrem Nachbarland von Unwissen getragen ist, wie er Nagy erklärt: Die Magyaren rechnen sie zu den Slawen, Romanen, Türken und Tataren, ein einziger ordnet sie den Finnen zu. Fünf von zehn wissen, seit wann Österreich 58 Stöver: Der Kalte Krieg, S. 127. 59 Vgl. dazu auch die Behauptung in Federmanns Das Himmelreich der Lügner, dass im Verlauf des Aufstands „ein halbes Hunderttausend Ungarn hatten sterben müssen“ (HL 507). Diese Zahl ist stark übertrieben. Laut Stöver meldete die ungarische Seite nach der Niederschlagung 300 Tote und rund 1000 Verwundete, die Sowjets sprachen von 669 Toten und 1540 Verletz- ten. Es kursieren diesbezüglich auch andere Zahlen, die aber nie die im Roman suggerierten 50.000 erreichen. Da Federmanns Roman schon kurz nach dem Aufstand entstand, war er möglicherweise Opfer westlicher Propaganda. Der gute Samariter 567
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Diskurse des Kalten Krieges Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Titel
Diskurse des Kalten Krieges
Untertitel
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2017
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20380-3
Abmessungen
15.9 x 24.0 cm
Seiten
742
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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