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Kreuzzüge des Mittelalters doch von den Christen aus. Dem Antikommunismus
war durch seine religiöse Verankerung ein Status von moralischer Überlegen-
heit inhärent. Während einige kalte Krieger die religiöse Komponente nur aus
taktisch-pragmatischen Gründen einsetzten, drückte sie für andere eine tiefe
Überzeugung aus. In einem Erlass von 1950 verbot die katholische Kirche in
Österreich ihren Mitgliedern, der kommunistischen Partei beizutreten oder
kommunistisches Gedankengut zu rezipieren bzw. zu verbreiten, wollten sie
nicht von den Sakramenten ausgeschlossen bleiben.65
Die Synthese von Antikommunismus und Religion wird nicht nur an der
Hauptfigur von Henz’ Die Nachzügler evident, sondern auch am Schauplatz
Mariazell, an dem sich die Handlung rund um den katholischen Intellektuellen
vollzieht, der in den „Nachwehen“ des Ungarischen Volksaufstands aus seinem
Land flüchtet und sich im Westen „aus einer harten brutalen Wirklichkeit in
eine aufgeweichte, muffige, verbrauchte Scheinwelt“ (NZ 87) versetzt findet.
Nagy ist gleichsam ein stilisierter Flüchtling, der als „ein Fliehender, ein Gejag-
ter“ allegorisch für die Menschheit der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts steht:
„Die Menschheit auf der Flucht, vor Gott, vor einer Endangst, vor der Lange-
weile, vor der Verzweiflung über sich selbst.“ (NZ 217) In einer systemkritischen
Abhandlung bezeichnet er mit dem Begriff „Nachzügler“ all diejenigen, die sich
von Gott abgewandt haben oder die an dessen Stelle Ideologie bzw. Technik
gesetzt haben. Eine letztgültige Definition des Begriffs findet er allerdings nicht.
Nun hält er seine Gedanken in Tagebuchform fest und empfindet dies angesichts
des Chaos in der Welt, dem er mit seinen theoretischen Überlegungen nicht
Herr werden kann, als eine „Gnade“. Diese Tagebuchaufzeichnungen geben ein
beredtes Zeugnis von seinem inneren und äußeren Widerstand gegen den Kom-
munismus, der auch Henz besonders wichtig war, wie er in seiner Autobiogra-
phie angesichts des österreichischen Katholikentages 1952 in Mariazell formu-
liert, an dessen Organisation er beteiligt war:
Er [der Katholikentag] sollte unser Bekenntnis zur bedrohten Freiheit werden.
Freiheit für das noch vierfach besetzte und durch Herrn Molotows [d.i. der sow-
jetische Außenminister] vielfaches Njet bereits einigermaßen verzagte Österreich,
Freiheit für den Menschen gegenüber allen kollektivierenden Mächten, Freiheit,
dem west-östlichen Kauderwelsch durch die Festlegung auf die Würde des Men-
schen entrückt, die persönliche, unteilbare, die paulinische Freiheit der Kinder
Gottes.66
65 N.N.: Ein österreichischer Hirtenbrief gegen den Kommunismus. In: Arbeiter-Zeitung,
18.1.1950, S. 2.
66 Henz: Fügung und Widerstand, S. 368 f. Kalter Krieg in Mariazell 569
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918