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Der Journalist und Verleger Fritz Molden, während der nationalsozialisti-
schen Herrschaft im österreichischen Widerstand tätig, beschreibt in seiner
Autobiographie die Situation folgendermaßen:
Die Menschenräuber waren unterwegs, Entführungen an der Tagesordnung. Es
kam immer wieder vor, daß in den sowjetisch besetzten Gebieten Österreichs
oder sogar auch aus den westlichen Besatzungszonen Leute entführt wurden.
Die Polizei in den von den Sowjets besetzten Bezirken Wiens war kommunis-
tisch durchsetzt; jede Säuberung wurde von der Besatzungsmacht verhindert.
Der Menschenraub wurde daher oft von solchen, den Sowjets hörigen Polizisten
durchgeführt.11
Die österreichische Nachkriegsgesellschaft nahm diese Methoden der sowjeti-
schen Besatzung als Verbrechen und Handlungen einer fremden Macht wahr,
denen sie schutzlos ausgeliefert war. Ein Plakat des Zentralsekretariats der SPÖ
aus dem Jahre 1948 protestierte: „Gegen Menschenraub! Für die Sicherheit des
Lebens! Für die Freiheit!“12 Heute sind diese gefährlichen Verhältnisse, trotz des
prominenten Status einiger Opfer, aus dem kollektiven Gedächtnis der Öster-
reicherinnen und Österreicher weitgehend verschwunden. Im Gegensatz zu
Großereignissen der österreichischen Nachkriegsgeschichte, wie etwa dem
Abschluss des Staatsvertrags 1955 oder dem Abzug der Besatzungsmächte, sind
die Angst und die Bedrohung durch Verschleppung, die in nicht wenigen Fällen
mit der Hinrichtung der Verurteilten endete, so gut wie verschüttet. Auch die
Geschichtswissenschaft hat erst in den letzten Jahren damit begonnen, sich die-
ses Themenkomplexes anzunehmen.13 Im öffentlichen Diskurs der Besatzungs-
jahre, in Tageszeitungen und parlamentarischen Debatten, waren die Verschlep-
pungen hingegen ein zentrales Thema. Und auch die österreichische Literatur
der Zeit hat ein wahres Panorama an Fällen, Berichten und Beschreibungen des
Menschenraubs in Österreich entfaltet. Bemerkenswert ist nur, wie sehr auch
diese Literatur vergessen wurde.
In den beiden Thrillern Internationale Zone (1953) und Und einer folgt dem
anderen (1953) von Milo Dor und Reinhard Federmann wird das Phänomen
Menschenraub ganz im Sinne der zitierten SPÖ-Broschüre mit verbrecherischen
Elementen, die im Auftrag der sowjetischen Besatzungsmacht operieren, in
Beziehung gebracht. Der Journalist und Politiker Franz Kreuzer hat seinen ers-
ten und einzigen Roman Die schwarze Sonne (1956) mit dem Untertitel „Tatsa-
11 Molden: Besetzer, Toren, Biedermänner, S. 55.
12 Zentralsekretariat der Sozialistischen Partei Österreichs: Gegen Menschenraub! Wien: Vor-
wärts 1948. Plakatsammlung Wienbibliothek.
13 Vgl. Karner, Stelzl-Marx (Hg.): Stalins letzte Opfer. Österreich als gefährliches Terrain 581
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918