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ger, Spitzel, Agenten und eben Menschenräuber hat. Dennoch können Täter
auch rasch zum Opfer werden, wenn sie Fehler machen oder sich die Umstände
ändern. Der Anführer der Schmuggler- und Entführerbande Georges Maine fällt
schlussendlich dem Verrat eines Doppelagenten zum Opfer. Er wird in eine Fal-
le gelockt und von der US-Militärpolizei in einem Feuergefecht erschossen.
Einen anderen „Repatriierungsfall“ entwirft Kreuzers Die schwarze Sonne.
Der sowjetische Oberst Orlow setzt Mirko auf eine in Wien lebende Russin an,
bei der er die sogenannten „Aufschließungsarbeiten“ (SS 24) übernehmen soll,
um ihr Vertrauen zu gewinnen und die Verschleppung unkomplizierter zu
machen. Orlow ist überzeugt, dass sie für den amerikanischen Geheimdienst
arbeitet, denn für ihn ist jede Sowjetbürgerin und jeder Sowjetbürger, der im
Westen lebt, potentiell des Verrats fähig und „kann morgen ein Spion sein“ (SS
18). In Orlows Postulat fokussiert Kreuzers Text das Misstrauen von Seiten der
Sowjetunion gegen alle sowjetischen Bürgerinnen und Bürger, die im Westen
gewesen waren. Dazu wurden ohne Differenzierung sowohl die von den Nazis
verschleppten und in der Kriegsindustrie eingesetzten, sogenannten „Ostarbei-
ter“ und „Fremdarbeiter“, aber auch Rotarmisten, die in deutsche Kriegsgefan-
genschaft geraten waren, gezählt. Eines der Motive dafür war, dass die Repatri-
ierten nicht nur eine andere Kultur, sondern auch den besseren Lebensstandard
in Westeuropa kennengelernt hatten und dadurch das Elend, das bereits vor dem
Krieg vorhanden war, nach 1945 jedoch katastrophale Ausmaße annahm, in der
Sowjetunion anders einschätzten.36 Zum Wiederaufbau nach dem Krieg benö-
tigte die Sowjetunion darüber hinaus jeden Angehörigen der UdSSR.
Während sowohl Internationale Zone als auch Die schwarze Sonne die Kritik der
Arbeiter-Zeitung an der sowjetischen Besatzungsmacht und der prekären Rechts-
staatlichkeit im besetzten Österreich mit den Mitteln der Unterhaltungsliteratur
in eine Narration formen und damit anschaulich machen, unterscheiden sie sich
doch in der konkreten Ausgestaltung des Phänomens „Menschenraub“. Während
bei Dor und Federmann der Menschenraub nur ein Motiv in ihrem von Spionen,
Schleichhändlern und Verbrechern bevölkerten Wien der Nachkriegszeit bildet,
bedient sich Kreuzer eines psychologisierenden Ansatzes, indem er den speziellen
Fall eines Menschenräubers mit allen Hintergründen in den Fokus rückt und detail-
liert ausleuchtet. Er liefert ein Psychogramm Mirkos, dessen Verbrechen durch
einen Journalisten aufgedeckt werden, der seinen Posten bei der Polizei verliert,
aus der Partei ausgeschlossen und in einem Prozess nach österreichischem Recht
zu einer Haftstrafe verurteilt wird. Aufgrund seines Verrats an der Russin, in die
er sich verliebt hat, die er aber dennoch dem Oberst ausliefert, sowie wegen seines
selbstzerstörerischen Lebenswandels begeht Mirko schließlich Selbstmord.
Im Fall des Arbeiter-Zeitungs-Redakteurs Kreuzer sind journalistisches
36 Vgl. Baberowski: Der rote Terror, S. 247.
Verbrechen, Repatriierung, Spionage: Menschenraub im Kontext 589
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918