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siert, sondern er konstruiert einen überzeitlichen Raum, in den dieses Phäno-
men hineinragt. Die Menschenräuber werden als dämonische Gestalten
mystifiziert. Insbesondere die Figur des Fährmanns wird lesbar als jemand, der
aus dem Reich der Toten zurückkehrt und einer höheren Gerechtigkeit dient,
was von zeitgenössischen Kritikern, wie etwa Hans Weigel, nachdrücklich miss-
billigt wurde.59 Er erscheint gleich dem Fährmann Charon in der griechischen
Mythologie, der die Toten über den Acheron in den Hades übersetzt. Die Ver-
schleppung wird durch diese Konnotation in Billingers Drama nicht zu einem
politischen Akt, sondern vielmehr ein allen historischen Bezügen enthobenes
mystisches Geschehen.
Empörte Passanten: Das Volk wehrt sich
Es gibt eine marginale Episode aus der österreichischen Besatzungszeit, die im
publizistischen wie literarischen Diskurs zu einem bedeutungsvollen Narrativ
der spontanen Erhebung der einfachen Bevölkerung gegen die Willkür der Ver-
schleppungen gesteigert wurde. Relativ sachlich, nüchtern und distanziert berich-
tet der Wiener Kurier Ende November 1948 über einen „Zwischenfall auf der
Schwedenbrücke“, die den ersten mit dem zweiten Wiener Gemeindebezirk ver-
bindet. Dort sei die „Verhaftung eines österreichischen Staatsbürgers durch
Sowjetorgane von Passanten verhindert“ worden.60 Die Arbeiter-Zeitung ent-
wickelt aus diesem Vorfall eine dramatische Erzählung vom verletzten Rechts-
gefühl der Österreicherinnen und Österreicher, die nun gegen die Besatzungs-
macht, deren Handlungen als rechtswidrig angesehen werden, aufstehen, um
ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen:
Plötzlich horcht die Menge auf. Ein Jeep hat angehalten, Soldaten springen ab und
stürzen sich auf einen Mann, packen ihn und zerren ihn in ein Auto. Der Über-
fallene wehrt sich, die Soldaten schlagen zu. Der Mann, Todesangst in den Augen,
schreit, weint, bittet um Hilfe. Die Menge steht vor Schrecken wie gelähmt […].
Jeder fühlt, als die Hilferufe des Verfolgten an seinen Nerven reißen, die Schande
seiner eigenen Ohnmacht und Hilflosigkeit und versteht in diesem Augenblick,
was er bisher, wenn er von solchen Menschenhetzen gehört hat, nicht begreifen
konnte: wie es möglich sein kann, daß die Menschenjäger mitten am Tag in einer
belebten Stadt ihre Beute fassen können. 61
59 Vgl. Hans Weigel: Donau so flau.
60 N.N.: Der Zwischenfall auf der Schwedenbrücke. In: Wiener Kurier, 27.11.1948.
61 KHS: Der verhinderte Menschenraub. In: Arbeiter-Zeitung, 26.11.1948, S. 1–2.
Empörte Passanten: Das Volk wehrt sich 597
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918