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In der Darstellung der Arbeiter-Zeitung setzt sich die Masse in Bewegung
und entreißt „der Gewalt ihr Opfer“. Der Gejagte kann von den Soldaten nicht ver-
folgt werden, da er von einer „Mauer“ umgeben ist, die sich „schützend vor dem
Flüchtenden geöffnet hat“ und die Soldaten dazu zwingt, aufzugeben. Den sowje-
tischen Soldaten wird unterstellt, dass sie aufgrund der „geheimnisvollen Macht
der Masse“ ausgerechnet an die Bilder alter revolutionärer Filme, etwa Sergei Eisen-
steins Panzerkreuzer Potemkin, denken müssen, in denen dargestellt wird, wie eine
„leidende, schweigsame, duldende Masse [sich] plötzlich in Bewegung setzt, um die
Bosheit, die Gewalt, die Unmenschlichkeit zu schlagen“.62 Das Ereignis wird als ein
Sieg des österreichischen Volkes dargestellt, das durch Mobilisierung gegen den
Feind eine Verschleppung verhinderte und das Recht selbst in die Hand nimmt.
Dagegen hält die Österreichische Volksstimme fest, dass in Zusammen-
hang mit den „Falschmeldungen“ über einen „angeblich‚ versuchten Menschen-
raub“, der durch sowjetische Soldaten erfolgte, die TASS eine offizielle Darstel-
lung dieses Zwischenfalles auf der Schwedenbrücke herausgegeben hätte. Danach
soll einem sowjetischen Offizier gemeldet worden sein, dass ein österreichischer
Schleichhändler versucht habe, Militärangehörige in Zigarettenschmuggel zu
verwickeln. Der Offizier habe einen österreichischen Wachbeamten aufgefor-
dert, diesen anzuhalten, der Schleichhändler habe jedoch entfliehen könne. Die
Volksstimme fasst zusammen: „Aus den Angaben und Berichten der österrei-
chischen Bundespolizei geht also klar hervor, daß bei dem Zwischenfall auf der
Schwedenbrücke unbekannte Personen der österreichischen Polizei einen Rechts-
brecher entrissen, bei dessen Festnahme ein sowjetischer Offizier Beistand leis-
ten wollte.“63 Für die Volksstimme ist damit erwiesen, dass die Meldungen in
anderen Zeitungen eine „bloße Provokation“ und nur ein weiterer Beweis für
die „sowjetfeindliche […] Lügenpropaganda“ wären, die in gewissen österrei-
chischen Kreisen gepflegt werde. Die Arbeiter-Zeitung widerspricht der offi-
ziellen sowjetischen Darstellung des Vorfalls:
Daß der gejagte Mensch ein Zigarettenverkäufer oder auch ein Schleichhändler
gewesen sein soll, ändert gar nichts an der Bedeutung des Vorfalles; […] Kenn-
zeichnend ist, daß in der ganzen Erzählung der TASS, das russische Militärfahr-
zeug nicht vorkommt, in das der Gejagte gezerrt werden sollte – wie so viele vor
ihm. Aber gerade dieses russische Fahrzeug, das viele hundert Menschen gesehen
haben, war der Anlaß zur Reaktion der Massen. Man sieht danach, was von einer
Darstellung zu halten ist, die den Menschenräuberwagen verschweigt.64
62 Ebd., S. 1.
63 N.N.: Was wirklich auf der Schwedenbrücke geschah. In: Österreichische Volksstimme,
27.11.1948.
64 N.N.: TASS-Lügen zum verhinderten Menschenraub. In: Arbeiter-Zeitung, 27.11.1948, S. 2.
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598 15 Verschleppung und Menschenraub
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918