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Es ist nun bemerkenswert, dass dieser Vorfall gleich zweimal in die zeitge-
nössische Literatur Eingang gefunden hat. Karl Bednarik stellt ihn ins Zentrum
seines Romans OMEGA Fleischwolf. Auf einer nicht näher bezeichneten Brücke
in einer nicht namentlich genannten Stadt beobachtet der Kommunist Bechtold
ein Geschehen, das seine Parteitreue ins Wanken bringt. „Vier Männer hatten
einen Mann gefaßt und schleppten ihn ab.“ (OF 272) Obwohl sich das Opfer
heftig wehrt, halten die vier Männer ihn „an den Händen und Füßen“ fest und
ziehen ihn „mit sich fort, auf ein offenes Auto zu, dessen Motor lief und an dem
der Chauffeur schon den Schlag“ (OF 273) weit aufgerissen hat. Bechtold bahnt
sich einen Weg durch die vor Frucht erstarrten Passanten, die sich um dieses
Geschehen versammelt haben und muss erkennen, dass das Opfer dieser Ver-
schleppung der junge Arbeiter Adam aus der Fabrik OMEGA ist, in der Bechtold
als Betriebsrat tätig ist, was ihn dazu bewegt, in Aktion zu treten:
In diesem Augenblick begann Bechtold zu laufen. Er sprang auf den Wagen zu
und mit ihm rannten auch die anderen los. Alle sprangen auf den Wagen zu und
mit ihnen liefen jetzt auch die Beherzteren unter den Passanten. Im Nu hatten
sie eine Mauer um den Wagen gebildet, die sich mit jeder Sekunde dichter und
dichter zusammenschloß. Von hinten drängte jetzt alles nach, was gerade noch
atemlos erstarrt gestanden war, die Frauen und die Greise und die Schulbuben,
und sie alle schrien in unartikulierten Lauten ihre Entrüstung und ihre mit Angst
gemischte Wut heraus. (OF 274)
Bednarik rekurriert mit dieser Szene bis in sprachliche Details („Mauer“) auf
den in den zeitgenössischen Zeitungen dargestellten Vorfall, dramatisiert ihn
aber noch stärker als der Bericht der Arbeiter-Zeitung, indem er die aufge-
brachte Menge den Wagen der Menschenräuber umkippen lässt:
Noch war das Auto nicht völlig gekippt, noch schwebte es, schräggestellt, halb
in der Luft, und einige Dutzend Männer stemmten sich dagegen, während über
ihnen ein Mann mit einer Pistole herumfuchtelte, ehe er rücklings aus dem Auto
fiel. Auch Adam fiel samt den Männern, die ihn hielten, aus dem Wagen. Er aber
wurde aufgefangen, wurde ihnen entrissen, für ihn öffnete sich einen Augenblick
lang die Menschenmauer. Sie nahm ihn auf und schloß sich wieder, als die Män-
ner vorsprangen, um seiner erneut habhaft zu werden. Binnen weniger Sekunden
wurde er dem Blick seiner Verfolger entzogen, er tauchte in der Masse unter und
wurde von ihr aufgenommen als ein Dazugehöriger. (OF 275)
Die Masse nimmt sich des potentiellen Opfers an, „Hände legten sich wohlwol-
lend“ auf Adams Schultern, „Frauen, denen Tränen in den Augen standen, strei-
chelten im Vorüberhuschen seine Wangen“ (ebd.), er erhält sogar, da sein Rock
Empörte Passanten: Das Volk wehrt sich 599
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918