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Hier tritt das Narrativ vom Aufstand der Bevölkerung gegen die versuchte
Verschleppung in modifizierter Form auf. Wie Lutin feststellt, ist der Verschlepp-
te, der Mann mit dem „Vogelgesicht“, ein gewisser Doktor von Sacher, der sei-
nen Angaben nach „nur wegen einer falschen Identitätskarte an der Demarka-
tionslinie von den Russen aus dem Zug geholt und nach Wien gebracht worden“
(EFA 36) sei. Im Verlauf des Romans wird jedoch deutlich, dass etwas an dem
Fall nicht stimmt. Als Lutin den Doktor befragt, „war aus ihm nicht mehr her-
auszukriegen als die etwas fadenscheinige Version mit der falschen Identitäts-
karte“ (EFA 38). Im Zuge seiner Ermittlungen kommt Lutin auf die Spur eines
geheimen Dokuments, um das sich der westliche und östliche Geheimdienst
eine Verfolgungsjagd liefern, obwohl zunächst unklar ist, was dieses Dokument
eigentlich enthält. Als Lutin sich durch einen Einbruch in einer Salzburger Buch-
handlung der Dokumente bemächtigen kann, wird ihm als eine Person, die die
Dokumente „verschieben“ kann, eben jener Doktor von Sacher nahegelegt. Aus
dem vermeintlichen Opfer einer Verschleppung wegen einer rechtlichen Lap-
palie wird im Roman von Dor und Federmann jemand, dem tatsächlich nicht
zu trauen ist. Sacher bringt Lutin dann auch mit einem Mitarbeiter der ameri-
kanischen Spionageabwehr zusammen, der ihm offenlegt, dass die Pläne, „an
denen das Blut vieler Menschen klebt“, (EFA 147) eigentlich wertlos sind.
Der verhinderte Menschenraub wird von Hans Weigel noch nach Abschluss
des Staatsvertrags zu einem Emblem des Widerstands des österreichischen Vol-
kes gegen „den Feind der Menschenrechte“ stilisiert, der für „die Zukunft des
Abendlandes“ entscheidend gewesen wäre: „Hier haben Straßenpassanten bewaff-
nete Menschenräuber in Schach gehalten, Postbeamte Maschinengewehren
getrotzt und demokratische Journalisten tagtäglich ihr Leben riskiert.“70
Verschleppung aus der Perspektive der kommunistischen Propaganda
In einer Polemik über propagandistische Artikel in der kommunistischen Volks-
stimme versammelt das Forvm einige aussagekräftige Zitate, etwa folgende Stel-
le aus der Ausgabe vom 11.
Dezember 1955 hinsichtlich der Thematik des Men-
schenraubs, über die das Forvm dann die provokante Überschrift „Auffordern
ist Menschenraub“ setzt. Der Bericht der Volksstimme gibt die Ereignisse an
einer italienischen Grenzstation wieder, an der italienische Beamte Mitglieder
einer ungarischen Fußballmannschaft aufgefordert hätten, nicht in ihr Heimat-
land zurückzukehren, was von den Kommunisten als versuchter Menschenraub
gedeutet wurde.71 Das Forvm versucht hier die Kluft zwischen einer derartigen,
70 Hans Weigel: In den Wind gesprochen. In: Bild-Telegraf, 11.6.1955, S. 9.
71 N.N.: NICHT VERSTOSSEN BITTE! Neutrale Höflichkeit in der kommunistischen Presse.
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602 15 Verschleppung und Menschenraub
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918