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zu verdrehen, daß es dennoch plausibel wirkte“ (HL 477). Er soll dazu die „seich-
ten Stellen“ dieses Artikels vertiefen. An diesem Punkt steigt der schon längst
zweifelnde Schindler aus dem Propagandaspiel aus, das nur noch eine erfunde-
ne Behauptung gegen die andere setzt, ohne dass die tatsächlichen Begebenhei-
ten und Motive noch eine Rolle spielen würden.
Vielleicht wollte ich nicht mehr, weil ich diesmal eine Zeugin gesprochen, den
Geruch der Wirklichkeit gespürt hatte. Ich hielt es für möglich, daß Wolf wirk-
lich etwas ausgeplaudert hatte, daß er kein Unschuldiger im klassischen Sinn war,
doch kam es mir auf diesen Wolf gar nicht an. Es kam mir darauf an, daß es bei
solchen Methoden einen Unschuldigen im klassischen Sinn überhaupt nicht mehr
gab. (HL 477)
Ein bitteres Nachspiel hat der Fall Wolf noch, als Schindler feststellen muss, dass
es ausgerechnet seine Geliebte war, die ihn an die Partei ausgeliefert hat, als dies
von ihr verlangte wurde, und er muss darüber hinaus erkennen, dass sein Redak-
tionsassistent die Verschleppung eingefädelt hat (vgl. HL 485). Schlussendlich
ist dieser Fall ausschlaggebend dafür, dass Schindler aus Wien flüchtet und sich
in Westdeutschland ansiedelt.
Der falsche Verdacht
Dass Menschen in Österreich während der Besatzungszeit (von den Sowjets)
verschleppt wurden, war nicht nur ein häufiges Thema publizistischer Propag-
andafehden und der zeitgenössischen Literatur, sondern diese Annahme war
auch rasch zur Hand, wenn jemand aus ungeklärten Gründen ausblieb und nicht
auffindbar war. Von einem Geheimdienst verschleppt zu werden, war eine ver-
breitete zeitgenössische Angstphantasie, die als solche in mehreren literarischen
Werken reflektiert wird. In Die Nachzügler von Henz wird der ungarische Pro-
fessor Stefan Nagy, der nach dem Volksaufstand 1956 nach Österreich geflüch-
tet ist und auf der Suche nach seiner Frau Erzebeth ist, in ein Netz von potenti-
ellen Menschenräubern und Agenten verstrickt. Nachdem er einen
Nervenzusammenbruch erlitten hat und in eine Klinik eingewiesen wird, stellt
er eine Selbstdiagnose:
Als Laie würde ich doch auf Paranoia tippen. Deutliche Symptome von Verfol-
gungswahn und Größenwahn, wobei das typische Verhalten eines Mannes auf
der Flucht, eines politisch Verfolgten, berücksichtigt werden muß. […] Angst vor
Agenten, die, wenn sie es sind, sehr viel wichtigere Aufträge zu erfüllen haben, als
einen unbedeutenden Professor einzufangen. (NZ 242) Der falsche Verdacht 607
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918