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befragt werden soll, die sich als Menschenraub entpuppt. Als Wirz die Frage
stellt, ob es sich dabei um die Frau seines Vaters handelt, macht er sich verdäch-
tig. Darüber hinaus steht er beim Untersuchungsrichter ob seiner langjährigen
Gefangenschaft im Gulag in Verdacht, ein sowjetischer Spitzel zu sein:
Angenommen also, Sie wären ein Agent von den Leuten dort drüben. Die suchen
die Wirz; sie wissen, sie will nach dem Westen fliehn; sie finden sie nicht. Aber
sie wüßten: flieht sie wirklich, so führt sie ihr erster Weg selbstverständlich in ihr
altes Haus, zum Sohn von ihrem verstorbenen Mann. Der glückliche Zufall will
es: dieser Sohn ist ihr Agent Doktor Wirz junior […]. (DSM 165 f.)
Als die Haushälterin bei der Polizei zu Protokoll gibt, sie hätte die Entführung
beobachtet, und einen Bericht mit allen charakteristischen Ingredienzien einer
Verschleppung liefert, erhärtet sich der Verdacht.
Frau Wirz sträubte sich. Da wurde sie mit Gewalt hinausgezerrt. Sie wurde
auch ins Gesicht geschlagen. Nein, schreien konnte sie nicht, sie hatte einen
Knebel im Munde. Ob ihre Hände gefesselt waren, kann ich nicht sagen. […]
Ich eilte ans Fenster und sah, wie jemand sie aus dem Haus zerrte. Ein Auto
hielt unten. Ein schwarzes Auto, der Schlag war schon offen. […] Jemand
zerrte sie aus dem Haus, sie sträubte sich, da schlug er sie nieder. […] Der
Mann schlug sie nieder und zerrte sie ins Auto oder trug sie, und das Auto
fuhr davon.“ (DSM 177)
Zuletzt stellt sich allerdings heraus, dass die Frau nicht verschleppt wurde, son-
dern sie selbst hat die Haushälterin beauftragt, diese „blutrünstige[n] Geschich-
ten“ (DSM 270) zu erzählen, denn sie „wollte einfach verschwinden, meine Spu-
ren verwischen“ (ebd.).
Auch wenn sie gar nicht wirklich stattfinden, sind die Verschleppungen offen-
sichtlich ein wesentliches Element der zeitgeschichtlichen Erfahrung der frühen
Nachkriegszeit, das eng mit den Konstellationen und Dynamiken des Kalten
Krieges verbunden ist. Aus dem kollektiven Bewusstsein ist diese Erfahrung in
Österreich heute völlig verschwunden, die Literatur jener Zeit rückt aber Aus-
schnitte aus dem „gefährdeten Leben“83 jener Zeit in den Blick und holt sie aus
dem individuellen ins kulturelle Gedächtnis.
83 Dor: Nachwort: In: Dor, Federmann: Internationale Zone, S. 241.
Open Access © 2017 by BÖHLAU VERLAG GMBH & CO.KG, WIEN KÖLN WEIMAR
610 15 Verschleppung und Menschenraub
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918