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Als Grund für die Remigration nach Österreich gilt der Erfolg seines gemeinsam mit
Peter Preses verfassten Dramas Der Bockerer, das die Geschichte eines Wiener Fleischhau-
ers in der Zeit von 1938 bis 1945 erzählt. Es erschien 1946 im Wiener Sexl-Verlag und
wurde am 4.10.1948 am „Neuen Theater in der Scala“ uraufgeführt. Das Stück bekam gro-
ße mediale Aufmerksamkeit, wobei anzumerken ist, dass die „Scala“ noch keinen anti-
kommunistischen Anfeindungen ausgesetzt war. Mit Friedrich Torberg kam es im Zusam-
menhang mit dem Bockerer zu einem gerichtlich ausgetragenen Urheberrechtsstreit (vgl.
Sommer, Weber, S. 20). Nachdem Torberg Becher auch der Nähe zum Kommunismus
verdächtigte, blieb das Verhältnis der beiden angespannt, ebenso das Verhältnis von Becher
zu Hans Weigel, über den Becher die Satire Vindobonus, der Gefürchtete verfasst hat.
Bechers Werk umfasst Prosa, Dramen, Hörspiele und Romane, die sich mit politischen
Themen wie Nationalsozialismus, Krieg, Emigration und Atomwaffen beschäftigen. Nach-
dem Bechers Novelle Die Frau und der Tod 1949 im Aufbau-Verlag in Ostberlin erschie-
nen war, kam sie 1950 auch im Novellenband Nachtigall will zum Vater fliegen. Ein Zyk-
lus Newyorker Novellen in vier Nächten, der George Grosz gewidmet ist (vgl. Asmus,
S. 41), im Wiener Sexl-Verlag heraus. 1957 erschien Bechers Roman kurz nach 4 bei
Rowohlt, für den die politischen Konflikte der österreichischen Zwischenkriegszeit bis
in die Nachkriegszeit den zeithistorischen Hintergrund bilden. Zur Publikation des Rom-
ans in der DDR ist die Auseinandersetzung mit dem Aufbau-Verlag über die Streichung
von politisch brisanten Stellen dokumentiert, in denen Kritik am kommunistischen Dog-
matismus geübt wurde. (vgl. Faber, Wurm, S. 26 f.)
1957 erschien Bechers Sammelband Spiele der Zeit sowohl bei Rowohlt als auch bei
Aufbau. Der Band enthält u.a. das Drama Die Kleinen und die Großen. Neue Zauberpos-
se in zwei Akten. Diese Satire auf das Atomzeitalter blieb unaufgeführt, wurde aber immer-
hin in der ostdeutschen Zeitschrift Aufbau teilabgedruckt und von Werner Mittenzwei
besprochen. 1961 beklagte sich Becher bei dem österreichischen Journalisten Johann
Muschik, dass Friedrich Torberg seit 1954 eine Aufführung seiner Stücke in Wien ver-
hindere. 1958 unterzeichnete er den Aufruf westdeutscher Intellektueller gegen atomare
Bewaffnung, der in Österreich polemische Reaktionen Friedrich Torbergs auslöste. 1969
erschien der autobiographisch geprägte Roman Murmeljagd, dessen Protagonist Marxist
ist. 1955 erhielt er den Dramatiker-Preis des Deutschen Bühnenvereins, 1976 den Preis
der Schweizer Schillerstiftung, 1980 das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft
und Kunst. Er war Mitglied im deutschen und im österreichischen PEN-Club.
Quellen:
Sylvia Asmus: Aus Kisten, Koffern und Schachteln. Der Teilnachlass des Schriftstellers Ulrich Be-
cher im Deutschen Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek. In: Bundesamt f.
Kultur (Hg.): Ulrich Becher = Quarto, S. 38–43.
Ulrich Becher: Die Kleinen und die Großen. Neue Zauberposse in zwei Akten. In: Aufbau 11
(1955) H. 11/12, November/Dezember, S. 1069–1077.
Ulrich Becher an Hans Muschik, Postkarte vom 5.4.1961, Autographensammlung der Dokumenta-
tionsstelle für neuere österreichische Literatur, Wien, Sign.: H.1. Becher, Ulrich.
617Autorinnen-
und Autorenlexikon
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918