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nalrat. Neben seiner politischen Tätigkeit war Fischer auch literarisch und publizistisch
aktiv. Bis 1947 wirkte Fischer als erster Chefredakteur der gemeinsam von SPÖ, ÖVP und
KPÖ herausgegebenen Tageszeitung Neues Österreich und ab 1948 als Redakteur der
kommunistischen Zeitschrift (Österreichisches) tagebuch. 1950 erschien im partei-
eigenen Globus-Verlag Der große Verrat. Ein politisches Drama in fünf Akten, das am
13.4.1950 im „Theater an der Scala“ in Wien uraufgeführt wurde. Die Handlung richtete
sich propagandistisch gegen die Politik Josip Titos, des Ministerpräsidenten von Jugosla-
wien. Fischer selbst beschrieb das Stück später als Produkt seiner durch den Kalten Krieg
ausgelösten „Re-Stalinisierung“ und distanzierte sich bereits Ende 1955 davon. Während
das Tagebuch das Stück als politischen und künstlerischen Verdienst würdigte, wurde es
in anderen Zeitungen als politisches Propagandastück rezipiert. Milo Dor und Reinhard
Federmann betonten, dass das Stück die Ursachen für den Abfall Titos von Moskau falsch
darstelle. 1952 erschien im selben Verlag Die Brücken von Breisau. Eine Komödie in drei
Akten, das am 22.3.1952 unter dem Titel Höchste Zeit ...! Die Brücken von Breisau in der
Scala uraufgeführt wurde. Da Fischer 1956 eine vom österreichischen PEN-Club heraus-
gegebene Resolution gegen die Niederschlagung des „Ungarischen Volksaufstandes“ durch
die Truppen des „Warschauer Paktes“ nicht unterschrieb, trat er aus dem PEN-Vorstand
zurück, sein Ausschluss erfolgte 1957. Differenzen mit dem Sowjet-Kommunismus zeigen
sich spätestens ab 1966 in seiner Distanz zu künstlerischen Auffassungen des sozialisti-
schen Realismus. Seine beiden 1962 erschienenen Kafka-Aufsätze in der ostdeutschen
Zeitschrift Sinn und Form gelten als antistalinistische Kritik. Als Teilnehmer auf der Kaf-
ka-Konferenz 1963 in Liblice (ČSSR), die als politisches Signal der „Entstalinisierung“
gesehen wird, forderte Fischer: „Gebt Kafka ein Dauervisum“. Seine 1968 erfolgte Kritik
am „Panzerkommunismus“ und an der Besetzung der ČSSR führte 1969 zum Parteiaus-
schluss. 1973 erschienen posthum seine Erinnerungen Das Ende einer Illusion, in denen
er sich mit der Nachkriegszeit 1945 bis 1955 auseinandergesetzt hat.
Quellen
Fedor: Der große Verrat. In: Trotzdem 3 (1950) H. 9, 6.–19.5.1950, S. 3.
Bernhard Fetz (Hg.): Ernst Fischer. Texte und Materialien. Wien: Sonderzahl 2000.
Ernst Fischer: Vernichtet den Trotzkismus. [Straßburg]: Éditions Prométhée 1937.
Ders.: Der Arbeitermord von Kemerowo: Die verbrecherische Tätigkeit der Trotzkisten. Zürich:
Freie Schweiz 1937.
Ders.: Franz Kafka. In: Sinn und Form 14 (1962) H. 4, S. 497–553.
Ders.: Entfremdung, Dekadenz, Realismus. In: Sinn und Form 14 (1962) H. 5/6, S. 816–854.
Ders.: Erinnerungen und Reflexionen. Reinbek/Hamburg: Rowohlt 1969.
Ders.: Das Ende einer Illusion. Erinnerungen 1945–1955. Frankfurt/M.: Vervuert 1988.
Bruno Frei: Der große Verrat. Aus Anlaß der Uraufführung von Ernst Fischers Drama in der Scala.
In: Tagebuch 5 (1959) H. 8, 15. 4.1950, S. 1.
Globus-Verlag an Ernst Fischer, Brief v. 21.11.1955, Zentrales Parteiarchiv der KPÖ, Alfred Klahr
Gesellschaft, Wien.
h.h.h.: Volksdemokratisches Panoptikum. In: Arbeiter-Zeitung, 16.4.1950, S. 7.
Karl Kröhnke: Ernst Fischer oder die Kunst der Koexistenz. Frankfurt/M., Wien: Büchergilde Gu-
tenberg 1994.
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628 Autorinnen- und Autorenlexikon
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918