Seite - 631 - in Diskurse des Kalten Krieges - Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
Bild der Seite - 631 -
Text der Seite - 631 -
Schriften Geists wurden laut der 1938 publizierten Liste des schädlichen und unerwünsch-
ten Schrifttums verboten. 1937/38 arbeitet er an der von Otto Basil herausgegebenen Zeit-
schrift Plan mit, die sich als Dokument des antifaschistischen kulturellen Widerstands
in Österreich verstand. Am 3.9.1939 wurde Geist von der Gestapo in Wien festgenom-
men und wegen kommunistischer Mundpropaganda und Vorbereitung zum Hochverrat
zu einer Haftstrafe verklagt, die am 10. oder 12.12.1940 – laut Otto Basil durch eine Inter-
vention Josef Weinhebers (Gauss, Geist S.
92. T.
Geist, S.
248) – endet. Nach einer Wehr-
diensteinberufung am 17.2.1941 wird Geist schon am 27.3.1941 wieder entlassen. 1945
wurde er Mitglied in der KPÖ Hietzing, trat aber am 5.3.1947 wieder aus. Nach 1945
schloss er sich der wiederaufgenommenen Arbeit am Plan an, wo sein Beitrag Österrei-
chische Verpflichtung, der Emigranten und Daheimgebliebene zur Zusammenarbeit auf-
ruft, publiziert wurde. Geists Artikel Dynamik und Weltordnung wurde als „politisch
eigenbrötlerisch“ (Basil an Geist) vom Plan abgelehnt, worauf Geist seine Mitarbeit in
der Redaktion aufkündigte. Von einem am 11.8.1945 abgeschlossenen Vertrag mit dem
Erwin Müller Verlag erwartet sich Geist viel, doch gerät der Verlag 1948 in finanzielle
Schwierigkeiten und muss 1950 eingestellt werden. (Mitterböck). Seine Schrift Genius.
Schriften für die Idee der Menschheit (UNO und sozialistische Weltgesellschaft) kam 1946
im „Weltweiten Verlag“ heraus, den Kurt Zube bis 1949 in Gmunden betrieb. Er vertrat
in dieser essayistischen Schrift eine pazifistische Position, die sich gegen politische Pola-
risierungen richtete. Die Schrift wurde in Rezensionen von allen drei Parteien gelobt. Im
Literaturbetrieb der Nachkriegszeit konnte Geist jedoch nicht Fuß fassen. Ab 1948 bezog
er Opferfürsorgerente und arbeitete an Werken, die großteils unveröffentlicht geblieben
sind. In dem Romanmanuskript Augenzeuge Menschheit beschrieb er die Gefahr eines
Dritten Weltkriegs in Zusammenhang mit der Entwicklung von Atomwaffen.
Quellen:
Otto Basil an Rudolf Geist, Brief vom 29.3.1946, Rudolf-Geist-Archiv, Spittal a. d. Drau.
Karl-Markus Gauss, Till Geist (Hg.): Der unruhige Geist. Rudolf Geist. Eine Collage. Salzburg: Otto
Müller 2000.
Rudolf Geist: Die Wiener Julirevolte. Bericht eines Augenzeugen. Heilbronn: Otto Ulrich 1927.
Till Geist: Ein Vergessener wird wieder entdeckt: Rudolf Geist. In: Biblos 50 (2001) H. 2, S. 245–
262.
Rudolf-Geist-Archiv, Spittal an der Drau.
Isabella Mitterböck: Buchmarkt und Verlagswesen in Wien während der Besatzungszeit 1945–
1955. Bd. II. Wien: Diss. 1992, S. 740–742.
Verlag Erwin Müller an Rudolf Geist, Brief vom 29.6.1946, Rudolf-Geist-Archiv, Spittal a. d. Drau.
N.N.: Lebenslauf, Dokument, Dokumentationsarchiv d. Österreichischen Widerstands 20886.
Wienbibliothek, Tagblattarchiv.
Friedrich Heer
geboren am 10.4.1916 (Wien), gest. am 28.9.1983 (Wien).
Heer studierte ab 1934 Geschichte, Kunstgeschichte und Germanistik in Wien und pro-
631Autorinnen-
und Autorenlexikon
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918