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gliedschaft ist jedoch nicht belegt (Klaffenböck [u.a.] 2003, S. 30–34, Qualtinger, Liste,
Qualtinger, Konvolut). Als sich der junge Qualtinger nach Kriegsende in Wien für einen
russischen Theaterkommissar ausgab, wurde er drei Monate inhaftiert.
1946 arbeitete er bei der Kabarettbühne „Der liebe Augustin“, wo er Carl Merz traf.
Im selben Jahr gründete er mit Michael Kehlmann die Studentenbühne „Studio der Hoch-
schulen“. Qualtingers erstes Theaterstück Jugend vor den Schranken löst bei der Urauf-
führung am 26.3.1949 in Graz einen Theaterskandal aus. Gemeinsam mit Merz, Kehl-
mann und Gerhard Bronner inszeniert er Reigen 51, eine Schnitzlerbearbeitung, die 1951
großen Erfolg hat. Ab 1952 gestalteten dieselben Künstler das Kabarettprogramm Das
Brettl vor dem Kopf, das von 1953 bis 1955 als Radiosendung im amerikanisch kontrol-
lierten Radiosender Rot-Weiß-Rot (RWR) fortgesetzt wurde. Das Programm setzte sich
mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Ereignissen satirisch auseinander, wobei
verschiedene ideologische Richtungen angegriffen werden. Das Programm wurde von
Friedrich Torberg als „wirkliche Kleinkunst“ (Torberg, S. 356) begrüßt und besonders
die parodistische Darstellung einer „ultrarussische[n] Radiosendung“ wurde gelobt.
Ab 1953 war Qualtinger im Theater an der Josefstadt engagiert und etablierte sich als
Schauspieler in Film und Theater. Ab 1955 schrieben Qualtinger und Merz die Kolumne
Blattl vor’m Mund, die bis 1963 in der Tageszeitung Kurier (Graz) erschien und auch
einem Kabarettprogramm den Namen lieh, das am 3.10.1956 Premiere hatte. In den
1950ern gestalten Qualtinger, Merz u.a. weitere Kabarettprogramme wie Glasl vor’m Aug’,
Dachl überm Kopf und Hackl vor’m Kreuz. Vor allem die darin enthaltenen Mittelstücke
wie Fahrt ins Rote oder Geisterbahn der Freiheit gehen satirisch auf zeitgenössische poli-
tische Konflikte ein. Trotz Torbergs Lob und Weigels Einschätzung von Qualtinger als
eine „Schlüsselgestalt des Widerstands gegen die sowjetische Bedrohung“ (Weigel, S.
517),
stellt die Forschung in Frage, dass den Texten Merz’ und Qualtingers ernsthafte politi-
sche Anliegen zugrunde lägen. So wird etwa die Nestroybearbeitung Das Haus der Tem-
peramente als leichte Unterhaltung und „zahnlos“ kritisiert, wobei auch auf die Abhän-
gigkeit der Autoren von der öffentlichen Meinung hingewiesen wird. (Klaffenböck 2004,
S. 131.) Tatsächlich weisen die Texte sehr unterschiedliche Qualität in Bezug auf ihren
politischen Gehalt auf.
Ab den 1960ern traten die vom Kalten Krieg geprägten Kabarettstücke zugunsten von
Themen der lokalen österreichischen Politik in den Hintergrund, während Qualtinger
sich insgesamt vom Kabarett zurückzog und verstärkt dem Theater und Fernsehen sowie
der Kurzprosa zuwandte. Grund dafür war laut Selbstaussage die Wirkungslosigkeit der
politischen Satire und deren öffentliche Vereinnahmung (Klaffenböck [u.a.] 2003, S.
13).
Die Auseinandersetzung mit der österreichischen Vergangenheit in dem satirischen Büh-
nenwerk Der Herr Karl, das er mit Merz 1961 als Auftragsarbeit fürs Fernsehen verfasste,
führte zu wütenden Zuschauerreaktionen. In den 1980ern tritt Qualtinger im Rahmen
von Lesetouren mit Texten wie Die letzten Tage der Menschheit oder Mein Kampf auf; 1969
erhält er die Josef-Kainz-Medaille, 1971 den Bundesfilmpreis und die Goldene Kamera,
1976 den Johann-Nepomuk-Ring der Stadt Wien, 1983 den Karl-Valentin-Orden.
651Autorinnen-
und Autorenlexikon
Diskurse des Kalten Krieges
Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Titel
- Diskurse des Kalten Krieges
- Untertitel
- Eine andere österreichische Nachkriegsliteratur
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20380-3
- Abmessungen
- 15.9 x 24.0 cm
- Seiten
- 742
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918