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StandesdünkelbeimdiplomatischenPersonal 155
8.7 StandesdünkelbeimdiplomatischenPersonal
DerAufstiegausdemMinisterial-bzw.Konsularkonzeptsdienst indendiplomati-
schen Dienst war im Prinzip möglich, kam jedoch nur in Ausnahmefällen und bei
VorliegeneinesbesonderendienstlichenInteressesundbesondererLeistungvor.
Stellung,Ein ussundBedeutungdesdiplomatischenDienstesließmancheAn-
gehörige desselben auf Vertreter der Konsularlaufbahn herunterblicken, die sehr
oft inwenigbedeutsamenOrtenihrenentbehrungsreichenDienstversahen.
Konsuln mussten oft gesellschaftlich isoliert und ohne Kurzweil, ohne die ge-
ringsten Bequemlichkeiten, öfters sogar ohne das Allernotwendigste ihren Dienst
versehen.SiemusstengegenMisstrauen,Unzuverlässigkeit,Schmutz,Krankheiten
und Widerwärtigkeiten aller Art ankämpfen. Solche Kanzleisklaven hatten auch
Schwierigkeiten, Ehefrauen zu nden, die mit ihnen auf entlegenen Plätzen aus-
harren wollten. Geschah es doch, so wurde es besonders hervorgehoben.389 Rémy-
Bercencovich, der von 1901 bis 1905 GK in Algier war, klagte über die gesell-
schaftlicheIsolierung,dieesseinerheiratsfähigenTochternichtermöglichte,einen
passendenPartnerzu nden.
Dr. Paul von Hevesy, der von 1909 bis 1918 als Diplomat dem k.u.k. Aus-
wärtigen Dienst angehört hatte, teilte dem bereits pensionierten Diplomaten und
HistorikerErwinMatschmit,erhätte,alser1912alsAttachéderk.u.k.Botschaft
in Konstantinopel zugeteilt worden war, ganz gern mit den Herrn des dortigen
k.u.k. Konsulates freundschaftlich verkehren wollen. Er wurde jedoch von seinen
diplomatischen Kollegen schließlich mit den Worten abgehalten: Entweder Du
verkehrstmitunsodermitdenen. 390
Der Grund könnte in der Selbstzufriedenheit der Hocharistokraten gelegen
sein,diezuanderenKreisennotwendigedienstlicheKontaktep egenmussten,ge-
sellschaftlicheVerbindungenaberablehnten.391EinGrundmagimprivatenErzie-
hungssystem des Adels und der damit anerzogenen Abkapselung von den übrigen
BevölkerungsschichtenundderdadurchentstandenenSelbstüberschätzungderei-
genenPersönlichkeitgelegensein.NebenÜberheblichkeitundStandesdünkelmag
auchFurchtvorAufweichungvonStandesidealeneineRollegespielthaben.
Im diplomatischen Dienst waren die von Haus aus Begüterten vertreten, wäh-
rend die meisten Absolventen der Konsularakademie Stipendien bezogen hatten.
Möglicherweise spielten Vorurteile eine Rolle, etliche kamen aus dem jüdischen
Milieu. Unter den k.u.k. Honorarkonsuln Rumäniens waren gesellschaftlich we-
nigrepräsentativeVertreter.
389 Z.B.dieGattindesGKLippichineinemSchreibenandasAußenministerium.
390 Matsch1986,S.92,S.237Anmerkung316.
391 Siegert,S.7.
Die effektiven Konsuln Österreich(-Ungarns) von 1825-1918
Ihre Ausbildung, Arbeitsverhältnisse und Biografien
- Titel
- Die effektiven Konsuln Österreich(-Ungarns) von 1825-1918
- Untertitel
- Ihre Ausbildung, Arbeitsverhältnisse und Biografien
- Autor
- Engelbert Deusch
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 17.4 x 24.4 cm
- Seiten
- 736
- Schlagwörter
- Konsularbiografien, Konsularausbildung, Pflichten eines Konsuls, österreichisch-ungarische Konsulate, Arbeitsverhältnisse, Honorarkonsuln, Repräsentation
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918