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540 DieKonsuln
die erste Nacht erlaubte Prochaska die Einquartierung im Kawassenhaus, später
nicht mehr. Die Soldaten besetzten den Hof des Konsulatsgebäudes und betrach-
teten Prochaska als Gefangenen. Erst am 17. Nov. konnte der Konsul persönlich
beim serbischen General Jankovic´ protestieren, der von Übergriffen Subalterner
sprach. Die versprochene Abstellung erfolgte nicht, stattdessen wurden am selben
Abend die katholische erzbischöfliche Residenz, die Pfarrkirche und das Haus der
Barmherzigen Schwestern nach versteckter Munition durchsucht. Diese Objekte
standenunterdembesonderenSchutzderDonaumonarchie.
Am25.Nov.durfteProchaskavonPrizrennachSkopjereisenundkonntewie-
dermitWienKontaktaufnehmen.1037 ProchaskaleugneteirgendwelcheVerstöße
seinerseits und schilderte in seinem Bericht irreguläre Handlungen durch serbi-
schesMilitär.Erstam17.Dez.1912gabdasAußenministeriumeinCommuniqué
heraus, in dem es formell die Hauptanklagepunkte zurückzog, während es noch
einen Tag vorher Gerüchte gab, daß Prochaska misshandelt, möglicherweise ka-
striert oder sogar ermordet worden sei. Dies schuf ein Syndrom von Propaganda
und Kriegshysterie, das durch diplomatische Schachzüge gelenkt wurde, um so
oder so mit Serbien abzurechnen, sei es bei bloßer Drohung, sei es, um mögli-
cherweise die Atmosphäre für eine kriegerische Aktion zu schaffen. Diese letztere
Alternativewar inHeereskreisenpopulär. 1038
Das lange Schweigen des Außenministeriums in einer äußerst ernsten interna-
tionalen Krise schadete dem Ansehen der Monarchie innen- und außenpolitisch.
Nach dem Mord an Erzherzog Franz Ferdinand (28. Juni 1914) gab es ein ähnli-
ches Verhalten, sodass französische Spitzenpolitiker 1914 auf diese Parallelen hin-
wiesen und noch den Friedjung-Prozess1039 einbezogen. Das Außenministerium
veranlasste in der zweiten Dezemberhälfte die Rückkehr Prochaskas zu seinem
Amtssitz in Prizren und forderte, dass serbische Truppen aus diesem Anlass im
Jänner 1913 beim neuerlichen Hissen der Fahne auf dem Konsulatsgebäude die
Ehrenbezeigung leisten sollten. Diese Flaggenzeremonie fand am 15. Jänner 1913
statt.1040
Prochaska hatte während des Ersten Balkankrieges von den Serben sehr viele
Demütigungen1041 zuertragen,fürdieihmdurchÖsterreich-UngarnvondenSer-
1037 Vgl. Bittner/Übersberger IV/4.625, 4.646, 4.647, 4.730. Der 25. Nov. 1912 wurde
auch in der Österreichischen Monatsschrift für den Orient im Novemberheft, das Anfang
Dez.erschien, inderRubrik:ZurZeitgeschichte,S.188angegeben.
1038 Kann,S.8.
1039 Beim Friedjung-Prozess im Dez. 1909 wurden Serben, die ungarisch-kroatische Unterta-
nen waren, auf Grund von gefälschten Dokumenten, die der Historiker Friedjung für echt
hielt, inersterInstanzwegenHochverratsverurteilt.
1040 Kann,S.9.
1041 Mary Edith Durham berichtete, wie der Sekretär von Janko Wukotitsch ihr gegenüber
prahlte: Oh,wennSiebloßhättensehenkönnen,wasdieOf zieremitProchaskaanstellten!
Die effektiven Konsuln Österreich(-Ungarns) von 1825-1918
Ihre Ausbildung, Arbeitsverhältnisse und Biografien
- Titel
- Die effektiven Konsuln Österreich(-Ungarns) von 1825-1918
- Untertitel
- Ihre Ausbildung, Arbeitsverhältnisse und Biografien
- Autor
- Engelbert Deusch
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2017
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Abmessungen
- 17.4 x 24.4 cm
- Seiten
- 736
- Schlagwörter
- Konsularbiografien, Konsularausbildung, Pflichten eines Konsuls, österreichisch-ungarische Konsulate, Arbeitsverhältnisse, Honorarkonsuln, Repräsentation
- Kategorien
- Geschichte Vor 1918