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DoppelteAusgrenzungals JüdinundFrau? 45
AufsubtileWeisewirdhierdieVorstellung,dassdurchVermittlungvonHoch-
kulturandieArbeiterschaftdieGesellschaftegalisiertwerdenkönnte, inFrage
gestellt, indemFeldmannalldiejenigenaufzählt,dienachwievordavonausge-
schlossenbleiben.
Auchin ihremautobiographischenRomanLöwenzahn (1921), indemsie
FrauenausallenmöglichenBerufenundSchichtenporträtiert, setzt sichFeld-
mannu. a.mit demThemader nicht für alle gleichermaßen zugänglichen
Bildungauseinander.120 ImUnterschiedzuihremBruder,demdieElternun-
tergroßenOpferndenBesuchdesGymnasiumsermöglichen,wirdder Ich-
ErzählerinMarianneeinenur lückenhafteSchulbildungzuteil.Gleichesgilt für
dieProtagonistin inMarthaundAntonia,diedasSchulgeld für ihren jüngeren
BruderdurchProstitutionverdient.BeideBrüdersindalsnegativeCharaktere
gestaltet,die sich–damitdieeigene,aufKostenderSchwesternüberwundene
Ausgrenzungperpetuierend–vonihrerHerkunftdistanzieren:
MeinBruderAlexanderginganunsvorbei, ohneFreundlichkeit.ErhattevielHerrsch-
suchtundGewaltsamkeit insich. […]ErhattekeinenglücklichenCharakter. […]Aber
er sah immer sonett ausmitden stets sauberenweißenHänden,demanmutigenKna-
benkopf inderverblichenenSamtbluse,vomweißenKragenbelebt.121
FeineKleidungundeingepflegtesErscheinungsbildalsäußereDistinktions-
merkmale tauchen auch in der Beschreibung vonGustav, des Bruders von
MarthaausdemRomanMarthaundAntonia,auf:
Er stehtda alsHerr vormir. SeinScheitel glänzt, jedesHärchen sorgsamamPlatz,wie
ebenausdemFriseurladengekommensiehteraus; seinHemdistvoneinerWeiße,eine
feineArbeit. Ach, kleinerGustav, denkst du daran, wiewir dein einzigesHemdüber
Nacht wuschen, Antonia oder ich, wie ich dasGeld für die Seife verdiente, damit du
sauberzurSchulekämst?Ach,würdestdudarandenken,aberdas tustdunicht.122
InLeibderMutter siehtSilvermaninderGestaltdesProtagonistenLaichFeld-
mannsKritikanzwarwohlmeinenden,aber fürdie tatsächlichenProblemeder
UnterschichtenblindenSozialistenausdemBildungsbürgertumverkörpert.123
undvieleandereBeiträgeverfassthaben. In:DavidJosephBachArchiv,GonvilleandGaius
College,CambridgeUniversity.Zit.nach:LisaD.Silverman:TheTransformationof Jewish
Identity inVienna.O. a.: S. 87.
120 Vgl.:LisaD.Silverman:TheTransformationof JewishIdentity inVienna.O. a.: S. 88.
121 ElseFeldmann:Löwenzahn.EineKindheit.Wien.Milena2003. S. 96; dies.:Marthaund
Antonia.Wien.Milena1997.
122 Dies.:MarthaundAntonia.Wien.Milena1997.S. 369.
123 Vgl.:LisaD.Silverman:TheTransformationof JewishIdentity inVienna.O. a.: S. 93.
http://creativecommons.org/licenses/by/4.0 | CC BY-NC-ND 4.0
© 2021, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. & Co. KG, Zeltgasse 1/6a, A-1080 Wien
Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien