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52 AnfängeaufdemTheater–DerSchrei,denniemandhört!
weltvertraut;dasaneinnicht-jüdischesPublikumgerichtetesowieaufDeutsch
abgefassteStück fällt indenvonObergestecktenzeitlichenRahmenundauch
weitere von ihm für dieGhettogeschichte als charakteristisch ausgemachte
Merkmale ließensichanführen: sozumBeispieldieEinflechtungvonJargon
durchdenGebrauchjiddischerAusdrücke,dieauchbeiFeldmann,derTraditi-
ondererstenGhetto-Erzählerentsprechend,demnicht-jüdischenPublikum
erläutertwerden.142
DiemeistenAutoren vonGhettogeschichten versahen […] ihreWerke, gewöhnlich in
Fußnoten,mitErklärungenundÜbersetzungen jüdischerBegriffeundAusdrücke, auf
dienichtjüdischeLeser angewiesenwaren,umden IntentionendesVerfasserswirklich
folgenzukönnen.143
WiederTiteldesStückesnahelegt,erfolgtdieDarstellungdesLebensimGhetto
beiFeldmannwedernostalgisch, sentimentalisierendnoch inkarikierender
Form,sondernisteindeutignegativpessimistischkonnotiert,wasfürzuBeginn
des20. JahrhundertsentstandeneGhettogeschichtenals folgerichtigerscheint:
Die Jahrzehntenach1900[zeigen] immerklarer,daß ihreemotionaleBindung[dieder
AutorInnen, Anm.v.m.] an das Leben imGhetto sich lockert. Das ist angesichts der
unvermeidbarenallmählichenAuflösungdesGhettosals einerabgeschlossenenGesell-
schaftnurnatürlichund sonimmtdennauchdieunmittelbare, emotionaleundheim-
weherfüllteBindungdesSchriftstellersandieGesellschaftab.144
BeiFeldmannwirddie imGhettovorherrschendeArmutnichtbeschönigt,
geistigeEnge, latenteTriebhaftigkeit,GewaltundpatriarchaleUnterdrückung
werdenschonungslosbeschriebenunddas„Harte,GrausameundFurchtbare
desGhettolebens“145findetseinemitunterplakativeDarstellung.
AlsBerthaGestrig, ein „recht erbärmliches, großes,mageresMädchenvon
34JahrenineinemabgetragenenhellbraunenKleid“(DS44),amBeginndes
StückesdenschmutzigenKramladenvonFrauGeizebetritt,wird ihrvonPa-
melaeinwackeligerStuhl,densieerstvondaraufabgelegtenGegenständen
befreienmuss,angeboten,dernochvondemerstenMannihrerMutterstammt:
„[…]mit demhat er sie immer gehauen. Erwar ja ganz vollgesoffen.“ (DS
5)DieAtmosphäre istdamitvonAnfangandeutlichnegativaufgeladen,Ge-
waltausübungabernichtaufMännerbeschränkt, sonderngeht,obtatsächlich
142 Vgl.:DS:S.14,16,19,30,31,44.
143 KennethH.Ober:DieGhettogeschichte.O. a.: S. 19ff.
144 Ebd.:S.
89.
145 Ebd.:S.
92.
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Else Feldmann: Schreiben vom Rand
Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Titel
- Else Feldmann: Schreiben vom Rand
- Untertitel
- Journalistin und Schriftstellerin im Wien der Zwischenkriegszeit
- Autor
- Elisabth H. Debazi
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21213-3
- Abmessungen
- 15.8 x 23.4 cm
- Seiten
- 306
- Schlagwörter
- L
- Kategorie
- Biographien